Obwohl es mit den USA seit Jahrzehnten bergab geht, haben sie noch eine Menge zu verlieren; da sollten Sie sich nichts vormachen.
Das gilt freilich nicht für die Mehrheit der US-Bürger, sondern eher für besonders einflussreiche Schichten.
Gerade deshalb dürfen Sie darauf vertrauen, dass einige Dinge bis auf Weiteres so bleiben, wie sie sind.
Dazu gehört die Vorherrschaft der Wall Street an den Finanzmärkten.
Was bisher geschah
Mit dem Ende des zwiten Weltkrieges löste die Wall Street die Londoner City als dominanten internationalen Finanzplatz ab. Dies war nicht zuletzt dem Bretton-Woods-System zu verdanken, das den US-Dollar als Reservewährung vorsah. Ein Argument seiner Befürworter war, dass er im Außenhandel durch Gold gedeckt war. Dass das Bretton-Woods-System tatsächlich ins Leben gerufen wurde, lag ebenso in der besonderen Rolle der USA im zweiten Weltkrieg begründet wie die Tatsache, dass die USA zu jener Zeit über die größte und modernste intakte Industrie verfügten. Mit der Etablierung des Petrodollar im selben Atemzug gelang es den USA, eine einzigartige Machtposition zu etablieren. In den folgenden Jahren versorgten die USA einen großen Teil der Welt mit Waren und (Bar- sowie Kredit-) Geld. Diese Ausweitung der Geldmenge zusammen mit den Ausgaben für den Koreakrieg sowie den Vietnamkrieg weckte bei den Bretton-Woods-Partnern jedoch Bedenken bezüglich der tatsächlichen Einlösbarkeit des US-Dollars in Gold.
Auf den Konflikt zwischen natioanler und Weltreserve-Währung wies bereits damals die als Triffin-Dilemma bekannte Überlegung hin. Die Pflichten im Bretton-Woods-System waren auch nicht eben fair ausgelegt. Beispielsweise waren die Wechselkuse anderer Währungen zum US-Dollar festgelegt; es oblag jedoch einzig den nicht-US-Zentralbanken, den Wechselkurs durch Markteingriffe tasächlich herbeizuführen. Anders gesagt, das Bretton-Woods-System war ein US-Dollar-Verteilsystem. Der Glaube daran, dass jeder US-Dollar so gut wie Gold sei, währte nicht lang. Als klar wurde, dass das System seine Ausgewoenheit durch die deutliche Ausweitung der US-Dollar-Geldmenge verloren hatte, spielten einige Bündnispartner nicht mehr mit und andere verlangten, ihre US-Dollars gegen Gold zu tauschen. Daraufhin kündigte Präsident Nixon 1971 das Bretton-Woods-System einseitig auf. Jedoch ist der US-Dollar seither faktisch noch immer durch die Tatsache gedeckt, dass Öl fast ausschließlich gegen US-Dollar gehandelt werden kann.
Doch es verändere sich noch mehr. Die wirtschaftliche Leistung anderer Staaten wuchs, der internationale Konkurrenzdruck stieg. Es war nicht mehr selbstverständlich, dass die Welt exportierte US-Waren benötigte. Die USA wandelten sich vom bedeutendsten Exporteur der Welt mit einem erheblichen Handelsbilanz-Überschuss zum größten Importeur der Welt mit einem gigantischen Handelsbilanz-Defizit.
Es musste reagiert werden: Mit einer Ausweitung der Kredite im eigenen Land, vorrangig an Unternehmen. US-Unternehmen expandierten international und sorgten so dafür, dass viele Menschen auf diesem Globus einen Teil ihres Einkommens für Produkte und Dienstleistungen ausgaben, für die die regionalen Tochteruntenehmen am Ende des Tages Geld in US-Dollar umtauschten und an die US-Firmenzentrale überwiesen. Zugleich wurden Poduktionsstandorte in Regionen, in denen die Produktionskosten geringer waren als in den USA, etabliert.
Doch die Mischung aus Sättigung des US-Heimatmarktes und dortigem Rückgang der Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe war heikel. Die USA waren die größte Volkswirtschaft, und ihre Größe verdankte sie zu über zwei Dritteln dem privaten Konsum. Ein Rückgang des dortigen Konsums musste vermieden werden. So wurde das Zeitalter der sorglos vergebenen Konsumentenkredite und null-Prozent-Finanzierungen eingeläutet.
Notwendige flankierende Maßnahmen zur Ausweitung der Geldmenge
Die enorme Ausweitung der US-Dollar-Geldmenge bedurfte einiger flankierender Maßnahmen. Obwohl
Geschäftsbanken Geld aus dem Nichts schöpfen, dürfen sie dies normalerweise nicht in unbegrenztem Umfang. Die USA blicken hier auf eine lange Tradition von Tricks zurück.
1) Mit dem Bretton-Woods-System wurden ausländische Zentralbanken de facto verpflichtet, US-Dollar zu kaufen und zu horten, obwohl sich 1971 herausstellte, dass sie doch nicht so gut wie Gold waren: Als nämlich Präsident Nixon mit schönen Worten den Partnern und der Welt erklärte, dass die USA gar nicht so viel Gold haben, wie US-Dollar in den Tresoren der Zentralbanken der Partner lagerten.
2) 1993 erlaubte die (zwar vom Kongress legitimierte, sich aber
im Besitz von US-Banken befindliche) US-Zentralbank Federal Reserve den
US-Banken, die vom Kongress geforderte Reserveeinlagen-Quote zu umgehen. Hierdurch konnten die US-Banken einen stärkeren Multiplikator bezüglich ihrer Einlagen bei der Kreditvergabe anwenden.
3) Nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems wurden die als Basel I bekannt gewordenen Regeln für Eigenkapitalquoten von Banken ins Leben gerufen; die Einigung erfolgte 1988.
Laut Basel I benötigen Banken für die Vergabe von Krediten an Staaten überhaupt keine Reserven. Die ersten Staatspleiten nach dem zweiten Weltkrieg stellten das Regelwerk Basel I als unrealistisch bloß. Es begannen die Arbeiten an Basel II. In Deutschland wurde ab 2003 an der Umsetzung von Basel II gearbeitet, in der EU wurde es 2007 Pflicht. Selbst in Japan, das sich seit zwei Jahrzehnten in schwieriger wirtschaftlicher Lage befindet, wurde Basel II umgesetzt.
Nur die USA haben Basel II nie realisiert; mit der Begründung, die Regeln wären für die meisten US-Instiutute ihrer Natur nach nicht passend. (
Hintergrundinformationen zu Basel I,
Hintergrundinformationen zu Basel II.) In der heutigen Derivate-Finanzwelt spricht man über
Basel III, und die USA werden wieder nicht mitziehen, wie das Handelsblatt berichtet.
Dieses Ungleichgewicht wird es US-Banken ermöglichen, US-Unternehmen durch Kreditgeld Übernahmen ausländischer Konkurrenten zu ermöglichen, die in Schieflage geraten sind, aus der sie nicht mehr herauskommen, weil in ihrem heimischen Geldsystem keine Kredite mehr vergeben werden können. Hierdurch wird die Vormachtstellung von US-Unternehmen gesichert, auch wenn arbeitslose US-Bürger wenig davon haben.
Notwendige flankierende Maßnahmen zur Absorption der Geldmenge
Es reicht nicht, eine Geldmenge auszuweiten. Man muss auch dafür sorgen, dass unter diesen Umständen die ausgewiesene Teuerungsrate nicht ausufert.
1) Als sich selbst verstärkende Trends wurden die
Dotcom- sowie die Immobilienblase vorsätzlich herbeigeführt. Beide Blasen wurden als den Wohlstand steigernd wahrgenommen. Bei ihrem Platzen kam es zu erheblichen Vermögensverlusten und Umverteilungen.
2) Das nach wie vor riesige Handelsbilanzdefizit der USA führt dazu, dass ausländische Zentralbanken zwangsläufig mit großen Mengen von US-Dollar konfrontiert sind. Viele von ihnen finanzieren damit die Neuverschuldung der USA, indem sie diese gegen US-Staatsanleihen eintauschen. Dies ist ein wunderbares, leider unfaires System zu Absorption von US-Dollar. Es ist zugleich ein sich selbst erhaltendes System zur Aufrechterhaltung des Weltreservewährungs-Status des US-Dollar. Es wird jedoch eines Tages enden müssen. Vermutlich abrupt und unangekündigt, genau wie das Ende des Bretton-Woods-Systems.
3) Die Kopplung des US-Dollar an Ölkäufe (der Petrodollar) spielt ebenfalls eine erhebliche Rolle, denn hierüber ist eine starke Nachfrage nach US-Dollar garantiert. Auch dies ist ein sich selbst erhaltendes System: Steigt der Ölpreis, weil zu viele US-Dollar im Umlauf sind, so benötigen auch andere Staaten mehr US-Dollar, um ihre Ölkäufe zu finanzieren.
Über die Mechanismen 2) und 3) können die USA Teuerung in den Rest der Welt exportieren. Dies stellt eine erhebliche Drohkulisse dar. Ein gegen den Willen der USA geplanter sanfter Übergang zu einem anderen System wäre nur möglich, wenn er exakt die Markkräfte, also die Waren- und Geldströme, aufgreift und nicht gegen sie kämpft.
Denken Sie gut!
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