Zunächst ein Lob an den Spiegel, der nach recht kontextbefreiten Berichten in den vergangegen Wochen das angebliche Jobwunder in Deutschland einmal realistisch betrachtet hat; siehe
Das Jobwunder, das keines ist. In diesem Zusammenhang vielleicht auch ein Hinweis, womöglich gar eine Selbstanzeige, in eigener Sache: Die Zeit, die für denkfaul.de investiert wird, ist
gestohlene Zeit. Zum Glück stehlen wir uns diese Zeit selbst. Wir erheben somit den Begriff der
Selbstanzeige geradezu in eine ungeahnte semantische Dimension, da wir nicht nur uns selbst anzeigen, sondern dies auch noch bezüglich eines Deliktes, das wir an uns selbst begehen. Folglich freuen wir uns, wenn Massenmedien endlich in Richtung Wahrheit vordringen, denn denkfaul.de entbehrt jeglicher wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
Nun zu den deutlich gesunkenen Einzelhandelsumsätzen in Deutschland im September 2010. Zur Erinnerung: Deutschland für sich genommen war 2009 die viertgrößte Volkswirtschaft auf unserem Planeten. Daher ist das Konsumverhalten hierzulande von recht großer Bedeutung.
Wenn Sie mit gesundem Menschverstand in den letzten Wochen in den Einkaufsmeilen unterwegs waren und/oder denkfaul.de lesen, dürften Sie eigentlich von den Zahlen nicht überrascht sein. Für Überraschung sorgt eher die Aufbereitung. Auffällig ist wie üblich das Fehlen jeglichen Kontexts, in dem die Information präsentiert wird.
So titelt dpa-AFX
Einzelhandel zieht im September leicht an und bezieht sich hierbei auf den
schwachen Vorjahresmonat. Preisbereinigt soll der Umsatz im September 2010 also 0,4% über demjenigen des schwachen September 2009 gelegen haben.
Die gute alte Preisbereinigung. Nun kommt es darauf an, wie das Statistische Bundesamt hier vorgeht. Wird erst die Summe aller Umsätze gebildet, und dann die gemittelte Teuerungsrate angewendet? Oder werden die Summen der Umsätze mit den jeweiligen Gütern um die jeweils für diese Güter ermittelte Teuerungsrate zu Grunde gelegt? Na? Wissen Sie's? Und Ihnen ist sicher aufgefallen, dass Brot teurer geworden ist, Haushaltsgeräte hingegen billiger, oder? Die unterschiedlichen Rechenwege würden folglich zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Beachten Sie, dass der Umsatz mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren gegenüber dem schwachen September 2009 um 3,5% gesunken ist (womöglich trotz der nicht angemessen einberechneten Teuerung). Woher kommen dann die 0,4% Steigerung? Aus den Verkäufen im Einzelhandel ohne Lebensmittel.
Klingt gut, oder? In Deutschland werden anscheinend wie wild Konsumgüter gekauft.
Oder auch nicht. Erinnern Sie sich? Im August 2009 lief die Abwrackprämie, Pardon, Umweltprämie aus. Ohne die Zahlen zu recherchieren sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass die Fahrzeugverkäufe im September 2009 außergewöhnlich schwach gewesen sein werden.
Fazit: Ohne die Abwrackprämie gäbe es die "Steigerung" (genau genommen: Rückkehr zur Normalität) bei den nicht-Lebensmittel-Umsätzen im September 2010 vermutlich nicht, und statt 0,4% Wachstum müsste ein Umsatzrückgang gegenüber dem schwachen September 2009 vermeldet werden.
Denken Sie gut.
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