Um die Frage für sich selbst zu beantworten sollte man die Hintergründe der präsentierten Informationen kennen. Beginnen wir mit dem Handelsblatt-Artikel:
Aktien sind so teuer wie noch nie, sagt beispielsweise die Analysefirma Fairesearch. An der Leitbörse Wall Street zahlen Anleger für Titel im S&P500 heute den 130-fachen Jahresgewinn. Das ist eine simple Rechnung auf Basis der Zwölfmonatsgewinne der Unternehmen bis Ende März. Im Vergleich dazu waren Aktien beim Platzen der Internetblase vor knapp einem Jahrzehnt mit einer Bewertung um die 30 spottbillig.
Der Artikel basiert auf den offiziellen Zahlen von Standard & Poor's (Excel-Datei; wird regelmäßig aktualisiert). Aus diesen Zahlen ergibt sich für die Unternehmen im marktbreiten US-Index S&P 500 ein (inzwischen fast abgesichertes) historisch einmaliges Kurs-Gewinn-Verhältnis von 134 für das erste Quartal 2009; für das zweite Quartal wird es auf 3814 (!) geschätzt und für das dritte Quartal fällt die Schätzung zum ersten Mal in der Geschichte des Index negativ aus. Das folgende Diagramm zeigt die historische Entwicklung bis einschließlich Q1/2009.

Niedrigeres Kurs-Gewinn-Verhältnis durch Beschränkung auf operative Ergebnisse
Zahlreiche Kommentatoren hantieren statt mit dem Wert 134 mit dem Wert 22, der historisch im oberen, aber nicht ungwöhnlich hohen, Bereich liegt. Dieses "Kurs-Gewinn-Verhältnis" basiert ebenfalls auf den S&P-Daten, berücksichtigt aber nur das operative Ergebnis ("pro forma earnings"), das in den S&P-Daten als "operating earnings" angegeben ist. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 134 basiert hingegen auf gültigen Bilanzierungsregeln (GAAP). Da nicht klar ist welche Bilanzpositionen hierbei unberücksichtigt bleiben (Umstrukturierung, Übernahme, Prozesskosten, künftige Zahlungsverpflichtungen) ist dieser Ansatz streitbar: Letztendlich müssen die Kosten durch das Unternehmen ja getragen werden, beeinflussen also die Dividende, den Kapitalstock und/oder die Kreditaufnahme.
Niedrigeres Kurs-Gewinn-Verhältnis durch Inflationsbereinigung und zehn-Jahres-Gewinne
Andere Kommentatoren beziehen sich für März 2009 auf ein eher günstiges S&P-500-Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13. Es stammt von Professor Robert J. Shiller (Excel-Datei; regelmäßig aktualisiert). Professor Shiller nutzt zur Ermittlung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses die durchschnittlichen Unternehmensgewinne der letzten zehn Jahre und führt eine Inflationsbereinigung durch. Obwohl das Ergebnis sicherlich interessant ist sollte es auch als solches deutlich kenntlich gemacht werden, was nicht alle Kommentatoren tun. Ob in der aktuellen Situation die Gewinne der letzten zehn Jahre aussagekräftig sind oder nicht sollte sich jeder Investor selbst überlegen können.
Kurs-Gewinn-Verhältnis als Kaufsignal?
Wer ein wenig recherchiert wird zu dem Schluss kommen, dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Aktien nicht für jede Investment-Strategie sinnvolle Kauf- und Verkaufsignale liefert... weder das normale noch das von Professor Shiller ermittelte. (Insbesondere unter den strittigen Annahmen dass Aktienkurse immer steigen und dass man Aktien kaufen sollte um sie viele Jahre lang zu halten kann das Kurs-Gewinn-Verhältnis natürlich eine Entscheidungshilfe sein.)
Fazit
Angesichts der erheblichen Abweichungen der aktuellen Zahlen bietet es sich an, einen eigenen Standpunkt zur Bedeutung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses zu entwickeln.
Ein gesundes Maß an kritischer Distanz zur Meinung von Kommentatoren, die sich auf operative Ergebnisse oder Shiller-Zahlen beziehen ohne dies deutlich herauszustellen, erscheint empfehlenswert.
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