In modernen Finanzsystemen anglo-amerikanischer Bauart gibt es endlose Vielfalt: Derivate, Zertifikate, Optionen, Fonds in mannigfaltiger Ausführung.
Nur eines ist in diesen Systemen selten geworden, gar vom Aussterben bedroht: Geld. Kapital. Cash.
Dafür gibt es reichlich zeitgenössische Begriffe und gebräuchliche Formulierungen, die diese Tatsache de facto verschleiern. So schafft es der Begriff Kapitalvernichtung bis in die Überschriften etablierter Medien; zum Beispiel wenn hier behauptet wird, das Platzen der Dotcom-Blase habe Kapital vernichtet. Bestenfalls demonstriert der Autor, dass er sorglos mit Begriffen hantiert. An der Spitze der Irrtümer im Finanzvokabular thront jedoch unangefochten die Marktkapitalisierung von Unternehmen, die in Wahrheit lediglich eine Marktvermögenisierung ist. Im Reich der legendären Formulierungen schließlich tummelt sich die Phrase, das Kapital an der Seitenlinie (Cash at the Sidelines) warte auf den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg in den Markt, oder noch schlimmer, es warte darauf in eine Branche zu investieren.
Wie wir sehen werden beschränkt sich der Quell der Verwirrung nicht auf die gebräuchliche Begriffswelt. Auch der Bereich der Finanzprodukte selbst wartet mit einer schleichenden und oft überraschenden Verschiebung der Charakteristika von Geldanlagen auf.
Und schließlich müssen in der jetzigen Situation sogar gängige wirtschaftliche Kenngrößen hinterfragt werden, weil sie ihre Daseinsberechtigung in einer Schönwetterperiode der Weltwirtschaft verliehen bekamen.
In unserer Welt ist eine überwältigende Mehrheit der Menschen gezwungen, sich als Investor zu betätigen. In Deutschland ist spätestens seit Anfang dieses Jahrtausends offiziell, dass die gesetzliche Altersvorsorge meist nicht ausreichen wird. Eine mögliche persönliche Gegenmaßnahme besteht in zusätzlicher kapitalgedeckter Altersvorsorge, und diese stellt eine Investition dar. Als Investor aber sollte man elementare Begriffe und Zusammenhänge im Kern begriffen haben. Der Unterschied zwischen Kapital und Vermögen ist insbesondere für das Risikoprofil der eigenen Geldanlagen von elementarer Bedeutung.
Wir werden hier zunächst solche Begriffe und Formulierungen beleuchten und einen Ausflug zu wirtschaftlichen Kenngrößen unternehmen, um anschließend den Blick zurück auf das Gesamtsystem zu richten und uns zu fragen, welche Anhaltspunkte wir für eine Beurteilung seines Zustands finden können.
Montag, 22. März 2010
Der Unterschied zwischen Kapital und Vermögen, der Wettlauf zwischen innerer Haltung und Geldschwemme, irreführende Marktfolklore und das insolvente Finanzsystem
Im Kern der Begriffswelt: Nicht alles Vermögen ist auch Kapital
Im Grunde ist der Unterschied zwischen Kapital und Vermögen rasch erklärt. Als Kapital bezeichnet man alles, was unmittelbar produktiv wirksam werden kann, beispielsweise Maschinen, Werkzeuge, Betriebsmittel und vorhandenes (auch fremdes, aber zum Gebrauch bewilligtes) Geld. Im Gegensatz hierzu bezeichnet Vermögen den gesamten Besitz zuzüglich aller ausstehenden Forderungen (Ansprüche) abzüglich aller Schulden. Das Vermögen umfasst folglich das Kapital.
(Es gibt durchaus die Auffassung, dass Geld selbst nicht zum Kapital zähle. So schreibt Karl Marx über die Verwandlung von Geld in Kapital. Im Rahmen unseres Artikels ist es jedoch nicht sinnvoll, zwischen Geld und Kapital zu unterscheiden; wir wollen lediglich sauber zwischen Kapital und Vermögen unterscheiden. Übrigens: Ist Ihre Arbeitskraft tatsächlich Kapital, wie gern behauptet wird, oder doch eher Vermögen?)
Finanzprodukte: Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Kehren wir, mit unseren Definitionen gewappnet, an die modernen Finanzmärkte zurück, und nehmen wir die Sicht eines Investors ein. Dass Bargeld Kapital darstellt haben wir bereits gesehen, und Produktionsmittel wie Maschinen sind für unsere Betrachtung nicht von Relevanz. Doch was außer Bargeld stellt noch Kapital dar, und und wann handelt es sich um Vermögen?
Um dies klären zu können stehen wir sofort vor der grundsätzlichen Entscheidung, den Begriff der ausstehenden Forderung entweder eng oder weit fassen zu müssen: Im engsten Sinne zählt einzig Bargeld als Kapital, da es frei von Zahlungsausfall-Risiken ist. In einem weiteren Sinne und unter normalen Marktbedingungen dürfen aber auch Geldanlagen auf Bankkonten mit kurzfristiger und unbefristeter Abrufbarkeit prinzipiell als Kapital gelten. Hier besteht jedoch das Risiko der Insolvenz der Bank, in deren Fall Sie möglicherweise den einbezahlten Betrag nicht in voller Höhe, und zudem erst nach längerer Zeit, ausbezahlt bekommen. Streng genommen sind Bankguthaben Forderungen an die Bank und also Vermögen; das sagt auch schon der Name: Bankguthaben. Sie haben bei der Bank etwas gut. Und seien Sie sich bewusst, dass das Bankensystem Ihr Guthaben bereits 50 Mal an andere Marktteilnehmer weiterverliehen hat. Lediglich die zurzeit geltenden, weit reichenden Garantien des Bankensystems (Einlagensicherung) verwandeln Ihr Bankguthaben, das in Wahrheit nur noch Vermögen darstellt, in etwas, das den Anforderungen an echtes Kapital weitgehend genügt -- unter normalen Marktbedingungen jedenfalls.
Kein Zweifel besteht hingegen bereits bei "sicheren", "konservativen", "risikofreien" Geldanlagen wie Geldmarktfonds und Staatsanleihen: Sie können nicht zum Kapital zählen, sondern stellen ihrer Natur nach verbriefte Ansprüche (also Vermögen) dar, die erst wieder am Markt in Geld (Kapital) getauscht werden müssen. Auch das sagt schon der Name: Geldanlage. Sie haben Ihr Geld angelegt (investiert). Das bedeutet nüchtern gesehen, dass es jetzt (mindestens) ein anderer Marktteilnehmer hat, der/die es hoffentlich zurückzahlen kann/können oder sinnvoll investieren. Denn ansonsten sinkt der Wert dieser Zahlungsansprüche. Dies gilt erst recht für weniger konservative Wertpapiere wie beispielsweise Aktien.
Eine andere Art des Vermögens stellen Wertanlagen wie Immobilien, Kunstwerke und Edelmetalle dar. Sie bergen kein Ausfallrisiko einer Gegenpartei. Letztlich unterscheiden sie sich vorrangig bezüglich der Marktplätze, auf denen sie gehandelt werden können, ihrer Liquidität, ihrer Mobilität, ihrer Unterhaltskosten und der Stabilität ihres Wertes. Bemerkenswert ist freilich, dass diese Eigenschaften eines Vermögensgegenstandes sich durch Gesetzgebung, Notsituationen und andere politische wie auch soziale Entwicklungen drastisch ändern können. Zigaretten mögen heute ein Genussmittel sein und waren gestern eine Währung auf dem Schwarzmarkt.
Wir können festhalten, dass es verschiedene Vermögensformen gibt, die sich erheblich unterscheiden. Und nicht immer ist die Natur einer Investition so leicht erkennbar wie bei Grundstücken und Staatsanleihen.
Durch moderne Finanzprodukte wird es zunehmend schwerer nachvollziehbar, ob ein Produkt noch die obige, weiter gefasste Definition von Kapital erfüllt oder nicht. Ein Beispiel sind an Geldmarkt-Fonds gebundene Tagesgeldkonten. Für Investoren ist es naheliegend, diese Produkte als Bankkonto wahrzunehmen und zu meinen, der haftende Vertragspartner sei die Bank. Damit handelte es sich bei dem Kontoguthaben nach üblicher (weiter gefasster) Anschauung um Kapital. Es könnte sich jedoch herausstellen, dass in Wahrheit der Fonds der haftende Vertragspartner ist. Dann hätten Investoren lediglich eine Forderung gegen den Fonds. Fonds unterliegen im Gegensatz zu Banken keiner Einlagensicherung. Im Gegenteil: Fonds können geschlossen werden. Damit würde Kapital durch eine Einzahlung auf ein an einen Fonds gekoppeltes Tagesgeldkonto in Wahrheit in Vermögen überführt, während das eingezahlte Kapital über den Globus verteilt würde.
Vermögen ist prinzipiell riskanter als Kapital
Warum ist es wichtig zu wissen, ob Sie über Kapital oder über Vermögen verfügen? Kapital garantiert die sofortige Verfügbarkeit über seinen Nennwert. Der Marktwert von Vermögen hängt hingegen von Marktbedingungen ab. Das ist für sich genommen in Ordnung. Sofern Sie tatsächlich wissen, welche der Zahlen auf Ihren Kontoauszügen was bedeuten.
Wenn Sie jetzt glauben dass diese Unterscheidung beispielsweise bei Geldmarktfonds oder Staatsanleihen überflüssig ist, weil diese Anlageformen sehr sichere Investitionen darstellen...
...dann haben Sie die Nachricht überlesen, dass in den USA im Januar 2010 ein Gesetz eingebracht und im Februar 2010 verabschiedet wurde, das es erlaubt, Zugriffe auf Geldmarktfonds zu unterbinden wenn es "die Marktsituation erfordert", und...
...Sie haben wahrscheinlich noch in keinen (US-amerikanischen?) Fonds eingezahlt der sich als Schneeball-System entpuppt hat, und...
...Sie haben wohl in keinen (spanischen?) Immobilienfonds eingezahlt, der für mehrere Monate geschlossen wurde, und...
...Sie haben vermutlich auch nicht vor acht Jahren argentinische Staatsanleihen besessen, oder Ihre griechischen Staatsanleihen in den letzten Wochen in Geld zurückwandeln müssen.
Noch einmal ganz deutlich: Eine aktuelle US-Gesetzesänderung, die den hiesigen Massenmedien keine plakative Schlagzeile wert war, kann Ihnen morgen den Zugriff auf Ihr ohne Ihr Wissen in Vermögen transformiertes Kapital verwehren. Und wenn Sie das Kleingedruckte Ihres Kontovertrages nicht kennen, dann werden Sie womöglich schmerzlich erfahren, wie sich der Unterschied zwischen Kapital und Vermögen anfühlt. Als Investor müssen Sie Ihr individuelles Risikoprofil kennen und Ihre Investitionsstrategie entsprechend ausgestalten.
Folklore: Kapitalvernichtung und Marktkapitalisierung
Immer wieder hört man, an den Aktienmärkten -- so beim Platzen der Dotcom-Blase und auch der US-Immobilienblase -- sei Kapital vernichtet worden.
Das ist im besten Fall Folklore, wenn nicht gar Täuschung. An den Aktienmärkten wird täglich Vermögen neu bewertet, aber weder Kapital geschaffen noch vernichtet. Das muss in einem freien Markt auch so sein, denn die Bewertung von Vermögenswerten kann -- ohne Manipulation -- nicht auf Dauer vom vorhandenen Kapital, das die wahre verfügbare Kaufkraft repräsentiert, losgelöst existieren.
Dass bei einem Börsencrash lediglich Vermögen, jedoch kein Kapital vernichtet wird ist leicht zu erklären. Es wird lediglich Kapital neu verteilt, wie das folgende Beispiel zeigt.
Betrachten wir ein geschlossenes Wirtschaftssystem mit den geschäftsfähigen Individuen Max, Moritz, Wilhelm und weiteren, die wir nicht namentlich benennen, sowie der Busch AG als börsennotiertem Unternehmen. Aktien seien die einzige Vermögensform in diesem System. Schulden gibt es der Einfachheit halber nicht; ihr Vorhandensein würde indes nichts ändern. Max und Moritz verfügen über jeweils 8€ Kapital, aber kein weiteres Vermögen (Aktien). Wilhelm verfügt über 4€ Kapital und über zwei Aktien der Busch AG, die insgesamt 100 Aktien emittiert hat. Der letzte gehandelte Kurs der Aktien der Busch AG betrug 2€, somit beträgt ihre Marktkapitalisierung 100 Aktien zu je 2€, mithin 200€.
Max hat gehört, dass der Busch AG eine rosige Zukunft bevorsteht. So entschließt er sich, eine Aktie der Busch AG zu erwerben. Er hofft auf eine satte Dividendenzahlung und bietet 3€. Wilhelm hält das für einen guten Preis und verkauft. Max ist nun so vermögend wie vorher (Kapital plus Marktwert seiner Aktien), hat aber weniger Kapital. Wilhelm hat jetzt 75% mehr Kapital und nach Marktwert nur 25% weniger Aktien; er konnte sein Vermögen um 25% steigern. Das Vermögen der unbeteiligten Aktieninhaber (Kapital plus Marktwert der Aktien) stieg um 35,5%. Die Marktkapitalisierung der Busch AG stieg um 50%. Die Menge an Kapital im System ist gleich geblieben. Die Transaktion im Gegenwert von 3€ hat allerdings zu einer Anhebung der Bewertung der Vermögen um 25% von 400€ auf 500€ geführt.
Moritz beobachtet den Aktienkurs der Busch AG schon lange. Er hat auf den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg gewartet. Jetzt kommt anscheinend Bewegung hinein. Es kann ja nur aufwärts gehen! Er bietet 4€ für eine Busch-Aktie. Einer der namenlosen Aktieninhaber verkauft gern: Er ist bei 1€ eingestiegen und hält 4€ für überbewertet. Moritz hat nun sein Kapital auf 4€ halbiert, aber sein Vermögen liegt weiterhin bei 8€. Max freut sich; er hat offenbar die richtige Entscheidung gefällt: Sein Vermögen ist durch die höhere Marktbewertung der Busch AG von 8€ auf 9€ gestiegen. Das Gesamtvermögen ist von 500€ auf 600€, um 20%, gestiegen. Die Marktkapitalisierung der Busch AG stieg um ein Drittel von 300€ auf 400€.
Für die Busch AG bietet es sich nun an, Profit aus ihrem verdoppelten Aktienkurs zu schlagen. Wir haben hier angenommen, dass sie keine eigenen Aktien hält. Hielte sie eigene Aktien, so könnte sie versuchen diese jetzt zu einem guten Preis zu verkaufen. Auch dies entspräche lediglich einer Umverteilung von Kapital: Wie wir gesehen haben, bleibt das Kapital im System beim Aktienhandel stets konstant. Fände die Busch AG Käufer für eigene Aktien in ihrem Besitz, so könnte sie ihr Vermögen gegen Kapital tauschen.
In unserem Beispiel kann die Busch AG immerhin noch indirekt von der Situation profitieren: Sie kann bei ihrer Bank einen Kredit anfragen. Die Bank wird die Marktkapitalisierung der Busch AG bei ihrem Kreditangebot mit einbeziehen. In diesem Szenario würde die Bank der Busch AG nach einer sorgfältigen Analyse ihrer Zukunftsaussichten zusätzliches Geld (Kapital) aus dem Nichts heraus als Kreditgeld erschaffen und der Busch AG zur Verfügung stellen. Anders gesagt, die Hausbank der Busch AG würde die Geldmenge (Kapital) im System in Abhängigkeit von der aktuellen Marktkapitalisierung der Busch AG sowie ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erhöhen. Sie sehen, wie hier ein sich hebelnder Zyklus entstehen kann, wenn die Busch AG das neu geschaffene Kapital in Umlauf bringt und Marktteilnehmer damit den Aktienpreis möglicherweise nach oben treiben. Allerdings beinhaltet dieses Szenario auch eine Verschuldung der Busch AG, so dass wir es hier nicht betrachten.
Stattdessen nehmen wir an, dass Wilhelm der Entwicklung nicht recht traut. Er bietet an, seine letzte Aktie für 4€ zu verkaufen, und zugleich bietet er an, bis zu 4 Aktien für 1€ zu kaufen. Wilhelm befindet sich in einer komfortablen Situation und kann spekulieren. Ein Käufer zu 4€ findet sich indes nicht mehr: Die anderen Aktieninhaber haben in der Zeitung gelesen, dass man Aktien nicht handeln muss, sondern einfach jahrelang halten kann und dabei ordentliche Renditen einfährt; sie handeln höchstens aufgrund unübersehbarer Schlagzeilen. Und nun treten Max und Moritz zeitgleich in den Ruhestand und müssen, da sie keine anderen ausreichenden Rücklagen haben, ihr Vermögen (ihre Aktien) in Kapital (Geld) umwandeln. Im guten Glauben darauf, dass sich schon ein Käufer zum aktuellen Preis von 4€ finden wird, bieten sie an, ihre Aktien zum besten Preis am Markt zu verkaufen. So werden beide Aktien von Wilhelm für je 1€ erworben. Max und Moritz sitzt der Schock tief in den Gliedern: Sie müssen im Ruhestand mit weniger Geld auskommen als sie dachten. Aber: Trotz des Kursverfalls ist im System kein Kapital vernichtet worden, sondern lediglich Vermögen. Das Kapital wurde lediglich neu verteilt; die Vermögen wurden neu bewertet. Die Marktkapitalisierung der Busch AG ist auf ein Viertel zusammengeschnurrt. Hätte die Busch AG zuletzt einen Kredit aufgenommen, wäre ihr ein Anruf ihrer Bank sicher.
Die Medien berichten über den Kurssturz und die Unterbewertung der Aktien der Busch AG. Das kommt Wilhelm gelegen. Er bietet zwei seiner drei Aktien für je 3€ an. Einige Marktteilnehmer wachen auf und kaufen zum besten Preis. Sie lassen sich somit auf Wilhelms Forderung ein und treiben den Aktienkurs der Busch AG deutlich nach oben. Wilhelm hat sein Kapital fast verdreifacht und sein Vermögen fast verdoppelt. Seine Kapital-Gewinne entsprechen der Summe der Kapital-Verluste anderer Marktteilnehmer; das Kapital wurde also lediglich umverteilt. Die Vermögen der Marktteilnehmer waren erheblichen Schwankungen unterworfen, aber Kapital wurde zu keiner Zeit vernichtet. Die Marktkapitalisierung der Busch AG basiert keineswegs auf der Summe des Kapitals, das insgesamt in den Kauf ihrer Aktien geflossen ist, sondern einzig aus dem Kurs der letzten Transaktion. Vielleicht haben Sie am Ende der Dotcom-Blase jemanden sagen hören, dass man sich keine Sorgen machen möge, weil das Geld nicht weg sei; sondern nur auf einem anderen Konto. Genau so ist es.
Es gibt keine Kapitalvernichtung an den Aktienmärkten, sondern nur Umverteilung. Vermögen werden nicht vernichtet sondern neu bewertet.
Und die Marktkapitalisierung besagt nicht, wie viel Kapital in ein Unternehmen oder den Erwerb seiner Aktien geflossen ist. Die Marktkapitalisierung besagt lediglich, dass mindestens ein Käufer für mindestens eine Aktie einen bestimmten Preis zu zahlen bereit war. Bedenken Sie: Es muss auch einen Verkäufer gegeben haben, der im Gegensatz zum Käufer der Auffassung war, dass ein Verkauf besser sei als ein Kauf.
Ewiges Wachstum unterstellt: Die Legende von Gewinnmitnahmen und dem Kapital an der Seitenline, das auf den Einstieg wartet
Wir haben gesehen, dass das Kapital im System durch Transaktionen an der Börse zu keinem Zeitpunkt verändert wird. Egal ob Kurse steigen oder fallen: Die Menge an Kapital im System, das potenziell zum Kauf verwendet werden kann, bleibt stets gleich. Das ist der Grund dafür, dass jeder Aktienmarkt-Rallye in diesem System irgendwann die Luft ausgeht: Je höher die Kurse steigen, desto weniger Aktien lassen sich mit dem verfügbaren Geld erwerben.
Wenn dies so ist, wie kann es dann sein, dass im Börsenjargon der Begriff der Gewinnmitnahmen für Tage steht, an denen die Kurse fallen? Immerhin gehört zu jeder Transaktion ein Verkäufer (der angeblich Gewinne mitnimmt) und ein Käufer (der offenbar im Gegensatz zum Verkäufer auf Gewinne hofft).
Und wie kann es sein, dass angeblich Kapital an der Seitenlinie wartet um einzusteigen? Es ist doch bei den so genannten Gewinnmitnahmen überhaupt kein zusätzliches Kapital entstanden. Wenn also der Gewinn des einen Marktteilnehmers der Verlust des anderen ist, wenn sich die allgemeine Attraktivität von Aktien nicht von heute auf morgen verändert hat und wenn zudem alle anderen Kosten und Preise gleich bleiben, dann steht immer gleich viel Kaital an der Seitenlinie.
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und fragen Sie sich, ob diesen Begriffen in unserer beispielhaften Welt mit auf 200€ limitiertem Kapital eine unbegründete Suggestivkraft innewohnt.
Nährt nicht der Begriff der Gewinnmitnahmen die Mär von den ewig steigenden Kursen an der Börse, während die Legende vom <ém>Kapital an der Seitenlinie den Eindruck vermittelt, dass ständig potente Investoren nur darauf warten, mit ihrem Einstieg in die Märkte die Kurse nach oben zu treiben?
Wir werden gleich noch einmal ein anderes Beispiel betrachten, in dessen Kontext andere Fragen aufgeworfen werden müssen. Jedoch: Beide Begriffe täuschen darüber hinweg, dass in Wahrheit an der Börse nur eines zählt: Nicht handeln zu müssen, sondern mit Weitsicht den richtigen Zeitpunkt abpassen zu können. Schauen Sie auf unseren beispielhaften Wilhelm. Er gewinnt mit entspannter Weitsicht auf Kosten der anderen Marktteilnehmer.
Investiert sein oder investiert haben?
Sie kaufen Aktien eines Pharma-Unternehmens. Haben Sie damit in die Pharma-Branche investiert oder sind Sie in die Pharma-Branche investiert?
Sie sindinvestiert.
Ein Biotech-Unternehmen platziert ein neues Aktienpaket. Sie erklären Ihre Bereitschaft, neu emittierte Aktien zu zeichnen, und erhalten auch eine Zuteilung. Haben Sie damit in den Biotech-Sektor investiert oder sind Sie im Biotech-Sektor investiert?
Beides.
In einem anderen, in einem expansiveren Finanzsystem als demjenigen unsres Beispiels
Einmal angenommen, in unserem Beispiel-Finanzsystem gäbe es nicht nur 200€, sondern ein heute übliches Bankensystem mit Zentralbank. Dann stiege die Geldmenge permanent.
Betrachten wir zwei prototypische Varianten solcher Systeme.
Szenario 1: Die oberste Priorität der Zentralbank ist die Preisstabilität. Die Kreditvergabe-Richtlinien des Bankensystems sind konservativ. Kredite werden vorrangig an Unternehmen vergeben, nicht an Konsumenten. Bürger verlassen sich auf die staatliche, durch Umlagen finanzierte Rente. (Ähnlichkeiten mit der jungen Bundesrepublik Deutschland der vor einigen Jahrzehnten sind sicherlich gegeben.)
In diesem Szenario steigt die Geldmenge zwar stetig an, jedoch in recht enger Korrelation mit der realen Teuerung.
Szenario 2: Die oberste Priorität der Zentralbank ist Vollbeschäftigung, so dass eine lockerere Geldpolitik zur Anwendung kommt. Das Bankensystem gibt nicht nur Unternehmern Kredit, sondern auch Konsumenten, und letztlich auch Konsumenten mit zweifelhafter Bonität. Zahleiche Finanzinstrumente dienen dazu, das vorhandene Kapital auf möglichst ausgeklügelte Weise in möglichst viele Vermögenswerte hineinzumultiplizieren. Den Menschen wird erklärt, dass sie in den Aktienmarkt investieren müssen, um im Ruhestand wohlhabend zu sein. In Zeiten der Rezession werden mit massiver Medienunterstützung absichtlich Investitionsblasen herbeigeführt. (Womöglich können Sie Parallelen zu den USA ausmachen.)
In diesem Szenario sucht sich die üppige Liquidität ihren Weg. So lang Güter des täglichen Bedarfs im Überfluss vorhanden sind, bleiben deren Preise relativ stabil; stattdessen entsteht ein erheblicher Druck, in Vermögenswerte zu investieren. Dieser wiederum führt zur Gründung aussichtsloser Unternehmungen. Deren Aussichtslosigkeit wird jedoch erst nach einiger Zeit erkennbar; die Investitionsblase platzt. Das Geld der Investoren haben dann diejenigen, die für die erfolglosen Unternehmen tätig waren; die Investoren stehen im Gegenzug mit wesentlich niedriger bewerteten Vermögen da.
Dieses Beispiel bietet einen viel besseren Nährboden für die Vorstellung von ewig steigenden Kursen, zumal sie von der Zentralbank zweifelsfrei unterstützt würde. Dann wären Gewinnmitnahmen an der Regel und es stünde auch dauerhaft (frisches) Kapital an der Seitenlinie. Es soll ja sogar Zentralbankiers geben, die felsenfest davon überzeugt sind, dass bereits bestimmte Ankündigungen von Zentralbanken ausreichend seien, um das Verhalten der Marktteilnehmer massiv zu beeinflussen.
Wenn die letzten Monate der Entwicklung in den USA als repräsentativ gelten dürfen, dann gilt das offenbar nicht für alle Marktteilnehmer. Die endlose Bereitstellung von Liquidität hat eine hoffnungsvolle Aktienmarkt- und Staatsanleihen-Rallye ausgelöst, an der die US-Finanzinstitute maßgeblich Anteil tragen. Zugleich haben breite Schichten der US-Konsumenten ihr Verhalten erheblich geändert und gewöhnen sich an eine neue Bescheidenheit.
Es entwickelt sich in diesem Szenario ein Wettstreit zwischen Liquidität und menschlichem Verhalten. Während die Krise finanztechnisch und monetär womöglich behebbar ist, steht dies in scharfem Kontrast zur realen Wirtschaftssituation, in der es gute Gewinne geben mag, aber zu wenig Arbeit gibt.
Das Bruttoinlandsprodukt/BIP (Gross Domestic Product/GDP): Im modernen Finanzsystem ein Indikator in den letzten Zügen
Die Verwendungsrechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist folgendermaßen definiert: Bruttoinlandsprodukt (BIP) = Private Konsumausgaben + Konsumausgaben des Staates + Ausrüstungsinvestitionen + Bauinvestitionen + Sonstige Anlagen + Vorratsveränderungen und Nettozugang an Wertsachen + Exporte von Waren und Dienstleistungen – Importe von Waren und Dienstleistungen
Schauen wir uns die größte Problemzone dieser Definition einmal genauer an.
Staatsausgaben fließen in das Bruttoinlandsprodukt ein. Falls Sie gedacht haben, dass das BIP etwas mit Produktivität zu tun hat, sind Sie einem Irrtum aufgesessen. Wie viel reale Wirtschaftsleistung im einem BIP-Wert enthalten ist bleibt sein Geheimnis. Denn der Staat mit seinen Maßnahmen, seinem Verwaltungsapparat und den Bezügen seiner Bediensteten muss ja von Steuereinnahmen, deren Grundlage reale Wirtschaftsleistung ist, bezahlt werden.
Diese Betrachtungsweise macht nur in nachhaltig ausgeglichenen Haushaltssituationen Sinn: Wenn der Staat keine Schulden aufnimmt, dann speist er seine Steuereinnahmen letztlich in den Wirtschaftskreislauf zurück: Seine Bediensteten konsumieren, Gebäude und Infrastruktur werden errichtet. Beginnt der Staat jedoch mit einer nennenswerten Schuldenaufnahme, so steigt das Bruttoinlandsprodukt entsprechend, da für das BIP nicht unterschieden wird, woher das ausgegebene Geld stammt. Dies bedeutet, dass das BIP später eine Dämpfung erfahren muss, wenn der Staat seine Schulden abbaut. (Falls er sie abbaut.) Durch Schulden finanzierte Staatsausgaben erhöhen direkt das momentane BIP, ohne dass dies ein nachhaltiger Effekt sein könnte.
Grobe Fahrlässigkeit: Das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt (Debt to GDP Ratio)
Momentan wird recht häufig das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt als Maß dafür strapaziert, wie ernst es um die Verschuldung einer Nation denn angeblich tatsächlich steht. Die Idee dahinter mag wohl sein, dass hohe Schulden bei entsprechend hoher Wirtschaftsleistung kein Problem darstellen.
Wie wir gesehen haben, beinhaltet das BIP allerdings auch geborgte, durch Schulden finanzierte, Wirtschaftsleistung. In Zeiten umfangreicher Stimulusprogramme sollten Sie daher einige Skepsis walten lassen. Wie wir bei der Betrachtung des BIP gesehen haben, wirkt sich ein Stimulusprogramm positiv auf das BIP aus, obwohl der Effekt teuer erkauft (nämlich zu einem Zinssatz geliehen) ist. Weil ein Stimulusprogramm also sowohl das BIP als auch die Verschuldung steigen lässt, steigt das Verhältnis von Schulden zum BIP zunächst nicht so stark an. Das Problem hierbei ist, dass das Stimulus-Programm irgendwann schlagartig ausläuft, während die erhöhte Verschuldung wohl kaum schlagartig getilgt werden kann. Zu jenem Zeitpunkt wird sich das Verhältnis von Verschuldung zum BIP entsprechend nachteilig ändern.
Das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt ist eine Münchhausen-Kennzahl, wenn der Staatshaushalt nicht von nachhaltiger Natur ist. So lang sich ein Staat Geld günstig leihen kann, kann er dieses Verhältnis durch Stimulus-Programme und höhere Verschuldung besser erscheinen lassen, als es in Wahrheit ist.
Das Bankensystem ist insolvent
In einem Finanzsystem, in dem jedes Guthaben durch eine irgendwo auf der Welt existierende gleich hohe Schuld gedeckt sein muss und in dem der Wert des Geldes auf Vertrauen beruht, ist das Kernthema per definitionem die Solvenz der Marktteilnehmer, nicht deren Liquidität. Wer einen Kredit aufnehmen konnte mag liquide sein; viel wichtiger ist die Frage ob er seine Schulden auch wirklich zurückzahlen können wird, also ob er solvent ist.
In den USA war man spätestens im Sommer 2008 offenbar recht nah an einer systemischen Grenze. Selbst Immobilien, die nicht abbezahlt waren und also größtenteils der Bank gehörten, konnten aufgrund ihres angeblich ständig steigenden Wertes noch weiter beliehen werden, um somit noch mehr Vermögen ohne hinterlegtes Kapital zu erzeugen und die Hebelung im System zu erhöhen.
Doch nicht nur die noch ausreizbaren Hebelungsmöglichkeiten wurden langsam rar: Letztlich stellte auch der Trend zur Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den USA in kostengünstigere Regionen ein Problem dar, weil er zu stetigem Abbau von Arbeitsplätzen führte und führt. Kauf- und verschuldungswillige Konsumenten finden sich nur, wenn die wirtschaftlichen Aussichten entsprechend solide ausfallen.
Und nicht nur in der Haltung der Menschen liegt eine Hürde, die durch Geldpolitik nicht überwunden werden kann: Sollten Waren des täglichen Bedarfs knapp werden, wird die viele Liquidität sich auf diese knappen Güter fokussieren. Ihre Preise werden kräftig ansteigen; zugleich wird jede Investitionsblase platzen, weil Kapital aus ihr abgezogen wird.
Nur wenn die Menschen auf ein ausreichendes Einkommen hoffen können und wichtige Güter reichlich vorhanden sind, kann das System mir frischem Schwung einen erneuten Anlauf gegen seine immanente Grenze starten.
All das ändert nichts daran, dass die Hebelung im System heute ebenso fragil übertrieben ist wie zu Beginn der Krise. Und so schlägt jeder Zahlungsausfall von Schuldnern gehebelt auf andere Bereiche des Finanzsystems durch. Das Bankensystem ist insgesamt insolvent und war es vielleicht sogar seit langer Zeit. Aufgeweichte Bilanzierungsregeln verhindern, dass Finanzinstitute Insolvenz anmelden müssen.
Daher brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn US-Finanzinstitute plötzlich gezielt wohlhabende Europäer umgarnen. Es fehlt dringend an Kapital im System.
So ist das nun einmal in unserem genialen Finanzsystem am Rande seiner Funktionsfähigkeit.
Achten Sie Ihr Kapital und achten Sie auf Ihr Kapital; höchstwahrscheinlich tut das außer Ihnen niemand.
Und: Denken Sie gut.
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Im Grunde ist der Unterschied zwischen Kapital und Vermögen rasch erklärt. Als Kapital bezeichnet man alles, was unmittelbar produktiv wirksam werden kann, beispielsweise Maschinen, Werkzeuge, Betriebsmittel und vorhandenes (auch fremdes, aber zum Gebrauch bewilligtes) Geld. Im Gegensatz hierzu bezeichnet Vermögen den gesamten Besitz zuzüglich aller ausstehenden Forderungen (Ansprüche) abzüglich aller Schulden. Das Vermögen umfasst folglich das Kapital.
(Es gibt durchaus die Auffassung, dass Geld selbst nicht zum Kapital zähle. So schreibt Karl Marx über die Verwandlung von Geld in Kapital. Im Rahmen unseres Artikels ist es jedoch nicht sinnvoll, zwischen Geld und Kapital zu unterscheiden; wir wollen lediglich sauber zwischen Kapital und Vermögen unterscheiden. Übrigens: Ist Ihre Arbeitskraft tatsächlich Kapital, wie gern behauptet wird, oder doch eher Vermögen?)
Finanzprodukte: Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Kehren wir, mit unseren Definitionen gewappnet, an die modernen Finanzmärkte zurück, und nehmen wir die Sicht eines Investors ein. Dass Bargeld Kapital darstellt haben wir bereits gesehen, und Produktionsmittel wie Maschinen sind für unsere Betrachtung nicht von Relevanz. Doch was außer Bargeld stellt noch Kapital dar, und und wann handelt es sich um Vermögen?
Um dies klären zu können stehen wir sofort vor der grundsätzlichen Entscheidung, den Begriff der ausstehenden Forderung entweder eng oder weit fassen zu müssen: Im engsten Sinne zählt einzig Bargeld als Kapital, da es frei von Zahlungsausfall-Risiken ist. In einem weiteren Sinne und unter normalen Marktbedingungen dürfen aber auch Geldanlagen auf Bankkonten mit kurzfristiger und unbefristeter Abrufbarkeit prinzipiell als Kapital gelten. Hier besteht jedoch das Risiko der Insolvenz der Bank, in deren Fall Sie möglicherweise den einbezahlten Betrag nicht in voller Höhe, und zudem erst nach längerer Zeit, ausbezahlt bekommen. Streng genommen sind Bankguthaben Forderungen an die Bank und also Vermögen; das sagt auch schon der Name: Bankguthaben. Sie haben bei der Bank etwas gut. Und seien Sie sich bewusst, dass das Bankensystem Ihr Guthaben bereits 50 Mal an andere Marktteilnehmer weiterverliehen hat. Lediglich die zurzeit geltenden, weit reichenden Garantien des Bankensystems (Einlagensicherung) verwandeln Ihr Bankguthaben, das in Wahrheit nur noch Vermögen darstellt, in etwas, das den Anforderungen an echtes Kapital weitgehend genügt -- unter normalen Marktbedingungen jedenfalls.
Kein Zweifel besteht hingegen bereits bei "sicheren", "konservativen", "risikofreien" Geldanlagen wie Geldmarktfonds und Staatsanleihen: Sie können nicht zum Kapital zählen, sondern stellen ihrer Natur nach verbriefte Ansprüche (also Vermögen) dar, die erst wieder am Markt in Geld (Kapital) getauscht werden müssen. Auch das sagt schon der Name: Geldanlage. Sie haben Ihr Geld angelegt (investiert). Das bedeutet nüchtern gesehen, dass es jetzt (mindestens) ein anderer Marktteilnehmer hat, der/die es hoffentlich zurückzahlen kann/können oder sinnvoll investieren. Denn ansonsten sinkt der Wert dieser Zahlungsansprüche. Dies gilt erst recht für weniger konservative Wertpapiere wie beispielsweise Aktien.
Eine andere Art des Vermögens stellen Wertanlagen wie Immobilien, Kunstwerke und Edelmetalle dar. Sie bergen kein Ausfallrisiko einer Gegenpartei. Letztlich unterscheiden sie sich vorrangig bezüglich der Marktplätze, auf denen sie gehandelt werden können, ihrer Liquidität, ihrer Mobilität, ihrer Unterhaltskosten und der Stabilität ihres Wertes. Bemerkenswert ist freilich, dass diese Eigenschaften eines Vermögensgegenstandes sich durch Gesetzgebung, Notsituationen und andere politische wie auch soziale Entwicklungen drastisch ändern können. Zigaretten mögen heute ein Genussmittel sein und waren gestern eine Währung auf dem Schwarzmarkt.
Wir können festhalten, dass es verschiedene Vermögensformen gibt, die sich erheblich unterscheiden. Und nicht immer ist die Natur einer Investition so leicht erkennbar wie bei Grundstücken und Staatsanleihen.
Durch moderne Finanzprodukte wird es zunehmend schwerer nachvollziehbar, ob ein Produkt noch die obige, weiter gefasste Definition von Kapital erfüllt oder nicht. Ein Beispiel sind an Geldmarkt-Fonds gebundene Tagesgeldkonten. Für Investoren ist es naheliegend, diese Produkte als Bankkonto wahrzunehmen und zu meinen, der haftende Vertragspartner sei die Bank. Damit handelte es sich bei dem Kontoguthaben nach üblicher (weiter gefasster) Anschauung um Kapital. Es könnte sich jedoch herausstellen, dass in Wahrheit der Fonds der haftende Vertragspartner ist. Dann hätten Investoren lediglich eine Forderung gegen den Fonds. Fonds unterliegen im Gegensatz zu Banken keiner Einlagensicherung. Im Gegenteil: Fonds können geschlossen werden. Damit würde Kapital durch eine Einzahlung auf ein an einen Fonds gekoppeltes Tagesgeldkonto in Wahrheit in Vermögen überführt, während das eingezahlte Kapital über den Globus verteilt würde.
Vermögen ist prinzipiell riskanter als Kapital
Warum ist es wichtig zu wissen, ob Sie über Kapital oder über Vermögen verfügen? Kapital garantiert die sofortige Verfügbarkeit über seinen Nennwert. Der Marktwert von Vermögen hängt hingegen von Marktbedingungen ab. Das ist für sich genommen in Ordnung. Sofern Sie tatsächlich wissen, welche der Zahlen auf Ihren Kontoauszügen was bedeuten.
Wenn Sie jetzt glauben dass diese Unterscheidung beispielsweise bei Geldmarktfonds oder Staatsanleihen überflüssig ist, weil diese Anlageformen sehr sichere Investitionen darstellen...
...dann haben Sie die Nachricht überlesen, dass in den USA im Januar 2010 ein Gesetz eingebracht und im Februar 2010 verabschiedet wurde, das es erlaubt, Zugriffe auf Geldmarktfonds zu unterbinden wenn es "die Marktsituation erfordert", und...
...Sie haben wahrscheinlich noch in keinen (US-amerikanischen?) Fonds eingezahlt der sich als Schneeball-System entpuppt hat, und...
...Sie haben wohl in keinen (spanischen?) Immobilienfonds eingezahlt, der für mehrere Monate geschlossen wurde, und...
...Sie haben vermutlich auch nicht vor acht Jahren argentinische Staatsanleihen besessen, oder Ihre griechischen Staatsanleihen in den letzten Wochen in Geld zurückwandeln müssen.
Noch einmal ganz deutlich: Eine aktuelle US-Gesetzesänderung, die den hiesigen Massenmedien keine plakative Schlagzeile wert war, kann Ihnen morgen den Zugriff auf Ihr ohne Ihr Wissen in Vermögen transformiertes Kapital verwehren. Und wenn Sie das Kleingedruckte Ihres Kontovertrages nicht kennen, dann werden Sie womöglich schmerzlich erfahren, wie sich der Unterschied zwischen Kapital und Vermögen anfühlt. Als Investor müssen Sie Ihr individuelles Risikoprofil kennen und Ihre Investitionsstrategie entsprechend ausgestalten.
Folklore: Kapitalvernichtung und Marktkapitalisierung
Immer wieder hört man, an den Aktienmärkten -- so beim Platzen der Dotcom-Blase und auch der US-Immobilienblase -- sei Kapital vernichtet worden.
Das ist im besten Fall Folklore, wenn nicht gar Täuschung. An den Aktienmärkten wird täglich Vermögen neu bewertet, aber weder Kapital geschaffen noch vernichtet. Das muss in einem freien Markt auch so sein, denn die Bewertung von Vermögenswerten kann -- ohne Manipulation -- nicht auf Dauer vom vorhandenen Kapital, das die wahre verfügbare Kaufkraft repräsentiert, losgelöst existieren.
Dass bei einem Börsencrash lediglich Vermögen, jedoch kein Kapital vernichtet wird ist leicht zu erklären. Es wird lediglich Kapital neu verteilt, wie das folgende Beispiel zeigt.
| Max | Moritz | Wilhelm | Andere | Busch AG | Gesamt | |
| Kapital | 8€ | 8€ | 4€ | 80€ | 100€ | 200€ |
| Aktien | 0 x 2€ | 0 x 2€ | 2 x 2€ | 98 x 2€ | 0 x 2€ | 200€ |
| Vermögen | 8€ | 8€ | 8€ | 276€ | 100€ | 400€ |
| Marktkap | - | - | - | - | 200€ | 200€ |
| Max | Moritz | Wilhelm | Andere | Busch AG | Gesamt | |
| Kapital | 5€ | 8€ | 7€ | 80€ | 100€ | 200€ |
| Aktien | 1 x 3€ | 0 x 3€ | 1 x 3€ | 98 x 3€ | 0 x 3€ | 300€ |
| Vermögen | 8€ | 8€ | 10€ | 374€ | 100€ | 500€ |
| Marktkap | - | - | - | - | 300€ | 300€ |
| Max | Moritz | Wilhelm | Andere | Busch AG | Gesamt | |
| Kapital | 5€ | 4€ | 7€ | 84€ | 100€ | 200€ |
| Aktien | 1 x 4€ | 1 x 4€ | 1 x 4€ | 97 x 4€ | 0 x 4€ | 400€ |
| Vermögen | 9€ | 8€ | 11€ | 472€ | 100€ | 600€ |
| Marktkap | - | - | - | - | 400€ | 400€ |
Für die Busch AG bietet es sich nun an, Profit aus ihrem verdoppelten Aktienkurs zu schlagen. Wir haben hier angenommen, dass sie keine eigenen Aktien hält. Hielte sie eigene Aktien, so könnte sie versuchen diese jetzt zu einem guten Preis zu verkaufen. Auch dies entspräche lediglich einer Umverteilung von Kapital: Wie wir gesehen haben, bleibt das Kapital im System beim Aktienhandel stets konstant. Fände die Busch AG Käufer für eigene Aktien in ihrem Besitz, so könnte sie ihr Vermögen gegen Kapital tauschen.
In unserem Beispiel kann die Busch AG immerhin noch indirekt von der Situation profitieren: Sie kann bei ihrer Bank einen Kredit anfragen. Die Bank wird die Marktkapitalisierung der Busch AG bei ihrem Kreditangebot mit einbeziehen. In diesem Szenario würde die Bank der Busch AG nach einer sorgfältigen Analyse ihrer Zukunftsaussichten zusätzliches Geld (Kapital) aus dem Nichts heraus als Kreditgeld erschaffen und der Busch AG zur Verfügung stellen. Anders gesagt, die Hausbank der Busch AG würde die Geldmenge (Kapital) im System in Abhängigkeit von der aktuellen Marktkapitalisierung der Busch AG sowie ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erhöhen. Sie sehen, wie hier ein sich hebelnder Zyklus entstehen kann, wenn die Busch AG das neu geschaffene Kapital in Umlauf bringt und Marktteilnehmer damit den Aktienpreis möglicherweise nach oben treiben. Allerdings beinhaltet dieses Szenario auch eine Verschuldung der Busch AG, so dass wir es hier nicht betrachten.
| Max | Moritz | Wilhelm | Andere | Busch AG | Gesamt | |
| Kapital | 6€ | 5€ | 5€ | 84€ | 100€ | 200€ |
| Aktien | 0 x 1€ | 0 x 1€ | 3 x 1€ | 97 x 1€ | 0 x 1€ | 100€ |
| Vermögen | 6€ | 5€ | 8€ | 181€ | 100€ | 300€ |
| Marktkap | - | - | - | - | 100€ | 100€ |
| Max | Moritz | Wilhelm | Andere | Busch AG | Gesamt | |
| Kapital | 6€ | 5€ | 11€ | 78€ | 100€ | 200€ |
| Aktien | 0 x 3€ | 0 x 3€ | 1 x 3€ | 99 x 3€ | 0 x 3€ | 300€ |
| Vermögen | 6€ | 5€ | 14€ | 375€ | 100€ | 500€ |
| Marktkap | - | - | - | - | 300€ | 300€ |
Es gibt keine Kapitalvernichtung an den Aktienmärkten, sondern nur Umverteilung. Vermögen werden nicht vernichtet sondern neu bewertet.
Und die Marktkapitalisierung besagt nicht, wie viel Kapital in ein Unternehmen oder den Erwerb seiner Aktien geflossen ist. Die Marktkapitalisierung besagt lediglich, dass mindestens ein Käufer für mindestens eine Aktie einen bestimmten Preis zu zahlen bereit war. Bedenken Sie: Es muss auch einen Verkäufer gegeben haben, der im Gegensatz zum Käufer der Auffassung war, dass ein Verkauf besser sei als ein Kauf.
Ewiges Wachstum unterstellt: Die Legende von Gewinnmitnahmen und dem Kapital an der Seitenline, das auf den Einstieg wartet
Wir haben gesehen, dass das Kapital im System durch Transaktionen an der Börse zu keinem Zeitpunkt verändert wird. Egal ob Kurse steigen oder fallen: Die Menge an Kapital im System, das potenziell zum Kauf verwendet werden kann, bleibt stets gleich. Das ist der Grund dafür, dass jeder Aktienmarkt-Rallye in diesem System irgendwann die Luft ausgeht: Je höher die Kurse steigen, desto weniger Aktien lassen sich mit dem verfügbaren Geld erwerben.
Wenn dies so ist, wie kann es dann sein, dass im Börsenjargon der Begriff der Gewinnmitnahmen für Tage steht, an denen die Kurse fallen? Immerhin gehört zu jeder Transaktion ein Verkäufer (der angeblich Gewinne mitnimmt) und ein Käufer (der offenbar im Gegensatz zum Verkäufer auf Gewinne hofft).
Und wie kann es sein, dass angeblich Kapital an der Seitenlinie wartet um einzusteigen? Es ist doch bei den so genannten Gewinnmitnahmen überhaupt kein zusätzliches Kapital entstanden. Wenn also der Gewinn des einen Marktteilnehmers der Verlust des anderen ist, wenn sich die allgemeine Attraktivität von Aktien nicht von heute auf morgen verändert hat und wenn zudem alle anderen Kosten und Preise gleich bleiben, dann steht immer gleich viel Kaital an der Seitenlinie.
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und fragen Sie sich, ob diesen Begriffen in unserer beispielhaften Welt mit auf 200€ limitiertem Kapital eine unbegründete Suggestivkraft innewohnt.
Nährt nicht der Begriff der Gewinnmitnahmen die Mär von den ewig steigenden Kursen an der Börse, während die Legende vom <ém>Kapital an der Seitenlinie den Eindruck vermittelt, dass ständig potente Investoren nur darauf warten, mit ihrem Einstieg in die Märkte die Kurse nach oben zu treiben?
Wir werden gleich noch einmal ein anderes Beispiel betrachten, in dessen Kontext andere Fragen aufgeworfen werden müssen. Jedoch: Beide Begriffe täuschen darüber hinweg, dass in Wahrheit an der Börse nur eines zählt: Nicht handeln zu müssen, sondern mit Weitsicht den richtigen Zeitpunkt abpassen zu können. Schauen Sie auf unseren beispielhaften Wilhelm. Er gewinnt mit entspannter Weitsicht auf Kosten der anderen Marktteilnehmer.
Investiert sein oder investiert haben?
Sie kaufen Aktien eines Pharma-Unternehmens. Haben Sie damit in die Pharma-Branche investiert oder sind Sie in die Pharma-Branche investiert?
Sie sindinvestiert.
Ein Biotech-Unternehmen platziert ein neues Aktienpaket. Sie erklären Ihre Bereitschaft, neu emittierte Aktien zu zeichnen, und erhalten auch eine Zuteilung. Haben Sie damit in den Biotech-Sektor investiert oder sind Sie im Biotech-Sektor investiert?
Beides.
In einem anderen, in einem expansiveren Finanzsystem als demjenigen unsres Beispiels
Einmal angenommen, in unserem Beispiel-Finanzsystem gäbe es nicht nur 200€, sondern ein heute übliches Bankensystem mit Zentralbank. Dann stiege die Geldmenge permanent.
Betrachten wir zwei prototypische Varianten solcher Systeme.
Szenario 1: Die oberste Priorität der Zentralbank ist die Preisstabilität. Die Kreditvergabe-Richtlinien des Bankensystems sind konservativ. Kredite werden vorrangig an Unternehmen vergeben, nicht an Konsumenten. Bürger verlassen sich auf die staatliche, durch Umlagen finanzierte Rente. (Ähnlichkeiten mit der jungen Bundesrepublik Deutschland der vor einigen Jahrzehnten sind sicherlich gegeben.)
In diesem Szenario steigt die Geldmenge zwar stetig an, jedoch in recht enger Korrelation mit der realen Teuerung.
Szenario 2: Die oberste Priorität der Zentralbank ist Vollbeschäftigung, so dass eine lockerere Geldpolitik zur Anwendung kommt. Das Bankensystem gibt nicht nur Unternehmern Kredit, sondern auch Konsumenten, und letztlich auch Konsumenten mit zweifelhafter Bonität. Zahleiche Finanzinstrumente dienen dazu, das vorhandene Kapital auf möglichst ausgeklügelte Weise in möglichst viele Vermögenswerte hineinzumultiplizieren. Den Menschen wird erklärt, dass sie in den Aktienmarkt investieren müssen, um im Ruhestand wohlhabend zu sein. In Zeiten der Rezession werden mit massiver Medienunterstützung absichtlich Investitionsblasen herbeigeführt. (Womöglich können Sie Parallelen zu den USA ausmachen.)
In diesem Szenario sucht sich die üppige Liquidität ihren Weg. So lang Güter des täglichen Bedarfs im Überfluss vorhanden sind, bleiben deren Preise relativ stabil; stattdessen entsteht ein erheblicher Druck, in Vermögenswerte zu investieren. Dieser wiederum führt zur Gründung aussichtsloser Unternehmungen. Deren Aussichtslosigkeit wird jedoch erst nach einiger Zeit erkennbar; die Investitionsblase platzt. Das Geld der Investoren haben dann diejenigen, die für die erfolglosen Unternehmen tätig waren; die Investoren stehen im Gegenzug mit wesentlich niedriger bewerteten Vermögen da.
Dieses Beispiel bietet einen viel besseren Nährboden für die Vorstellung von ewig steigenden Kursen, zumal sie von der Zentralbank zweifelsfrei unterstützt würde. Dann wären Gewinnmitnahmen an der Regel und es stünde auch dauerhaft (frisches) Kapital an der Seitenlinie. Es soll ja sogar Zentralbankiers geben, die felsenfest davon überzeugt sind, dass bereits bestimmte Ankündigungen von Zentralbanken ausreichend seien, um das Verhalten der Marktteilnehmer massiv zu beeinflussen.
Wenn die letzten Monate der Entwicklung in den USA als repräsentativ gelten dürfen, dann gilt das offenbar nicht für alle Marktteilnehmer. Die endlose Bereitstellung von Liquidität hat eine hoffnungsvolle Aktienmarkt- und Staatsanleihen-Rallye ausgelöst, an der die US-Finanzinstitute maßgeblich Anteil tragen. Zugleich haben breite Schichten der US-Konsumenten ihr Verhalten erheblich geändert und gewöhnen sich an eine neue Bescheidenheit.
Es entwickelt sich in diesem Szenario ein Wettstreit zwischen Liquidität und menschlichem Verhalten. Während die Krise finanztechnisch und monetär womöglich behebbar ist, steht dies in scharfem Kontrast zur realen Wirtschaftssituation, in der es gute Gewinne geben mag, aber zu wenig Arbeit gibt.
Das Bruttoinlandsprodukt/BIP (Gross Domestic Product/GDP): Im modernen Finanzsystem ein Indikator in den letzten Zügen
Die Verwendungsrechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist folgendermaßen definiert: Bruttoinlandsprodukt (BIP) = Private Konsumausgaben + Konsumausgaben des Staates + Ausrüstungsinvestitionen + Bauinvestitionen + Sonstige Anlagen + Vorratsveränderungen und Nettozugang an Wertsachen + Exporte von Waren und Dienstleistungen – Importe von Waren und Dienstleistungen
Schauen wir uns die größte Problemzone dieser Definition einmal genauer an.
Staatsausgaben fließen in das Bruttoinlandsprodukt ein. Falls Sie gedacht haben, dass das BIP etwas mit Produktivität zu tun hat, sind Sie einem Irrtum aufgesessen. Wie viel reale Wirtschaftsleistung im einem BIP-Wert enthalten ist bleibt sein Geheimnis. Denn der Staat mit seinen Maßnahmen, seinem Verwaltungsapparat und den Bezügen seiner Bediensteten muss ja von Steuereinnahmen, deren Grundlage reale Wirtschaftsleistung ist, bezahlt werden.
Diese Betrachtungsweise macht nur in nachhaltig ausgeglichenen Haushaltssituationen Sinn: Wenn der Staat keine Schulden aufnimmt, dann speist er seine Steuereinnahmen letztlich in den Wirtschaftskreislauf zurück: Seine Bediensteten konsumieren, Gebäude und Infrastruktur werden errichtet. Beginnt der Staat jedoch mit einer nennenswerten Schuldenaufnahme, so steigt das Bruttoinlandsprodukt entsprechend, da für das BIP nicht unterschieden wird, woher das ausgegebene Geld stammt. Dies bedeutet, dass das BIP später eine Dämpfung erfahren muss, wenn der Staat seine Schulden abbaut. (Falls er sie abbaut.) Durch Schulden finanzierte Staatsausgaben erhöhen direkt das momentane BIP, ohne dass dies ein nachhaltiger Effekt sein könnte.
Grobe Fahrlässigkeit: Das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt (Debt to GDP Ratio)
Momentan wird recht häufig das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt als Maß dafür strapaziert, wie ernst es um die Verschuldung einer Nation denn angeblich tatsächlich steht. Die Idee dahinter mag wohl sein, dass hohe Schulden bei entsprechend hoher Wirtschaftsleistung kein Problem darstellen.
Wie wir gesehen haben, beinhaltet das BIP allerdings auch geborgte, durch Schulden finanzierte, Wirtschaftsleistung. In Zeiten umfangreicher Stimulusprogramme sollten Sie daher einige Skepsis walten lassen. Wie wir bei der Betrachtung des BIP gesehen haben, wirkt sich ein Stimulusprogramm positiv auf das BIP aus, obwohl der Effekt teuer erkauft (nämlich zu einem Zinssatz geliehen) ist. Weil ein Stimulusprogramm also sowohl das BIP als auch die Verschuldung steigen lässt, steigt das Verhältnis von Schulden zum BIP zunächst nicht so stark an. Das Problem hierbei ist, dass das Stimulus-Programm irgendwann schlagartig ausläuft, während die erhöhte Verschuldung wohl kaum schlagartig getilgt werden kann. Zu jenem Zeitpunkt wird sich das Verhältnis von Verschuldung zum BIP entsprechend nachteilig ändern.
Das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt ist eine Münchhausen-Kennzahl, wenn der Staatshaushalt nicht von nachhaltiger Natur ist. So lang sich ein Staat Geld günstig leihen kann, kann er dieses Verhältnis durch Stimulus-Programme und höhere Verschuldung besser erscheinen lassen, als es in Wahrheit ist.
Das Bankensystem ist insolvent
In einem Finanzsystem, in dem jedes Guthaben durch eine irgendwo auf der Welt existierende gleich hohe Schuld gedeckt sein muss und in dem der Wert des Geldes auf Vertrauen beruht, ist das Kernthema per definitionem die Solvenz der Marktteilnehmer, nicht deren Liquidität. Wer einen Kredit aufnehmen konnte mag liquide sein; viel wichtiger ist die Frage ob er seine Schulden auch wirklich zurückzahlen können wird, also ob er solvent ist.
In den USA war man spätestens im Sommer 2008 offenbar recht nah an einer systemischen Grenze. Selbst Immobilien, die nicht abbezahlt waren und also größtenteils der Bank gehörten, konnten aufgrund ihres angeblich ständig steigenden Wertes noch weiter beliehen werden, um somit noch mehr Vermögen ohne hinterlegtes Kapital zu erzeugen und die Hebelung im System zu erhöhen.
Doch nicht nur die noch ausreizbaren Hebelungsmöglichkeiten wurden langsam rar: Letztlich stellte auch der Trend zur Verlagerung von Arbeitsplätzen aus den USA in kostengünstigere Regionen ein Problem dar, weil er zu stetigem Abbau von Arbeitsplätzen führte und führt. Kauf- und verschuldungswillige Konsumenten finden sich nur, wenn die wirtschaftlichen Aussichten entsprechend solide ausfallen.
Und nicht nur in der Haltung der Menschen liegt eine Hürde, die durch Geldpolitik nicht überwunden werden kann: Sollten Waren des täglichen Bedarfs knapp werden, wird die viele Liquidität sich auf diese knappen Güter fokussieren. Ihre Preise werden kräftig ansteigen; zugleich wird jede Investitionsblase platzen, weil Kapital aus ihr abgezogen wird.
Nur wenn die Menschen auf ein ausreichendes Einkommen hoffen können und wichtige Güter reichlich vorhanden sind, kann das System mir frischem Schwung einen erneuten Anlauf gegen seine immanente Grenze starten.
All das ändert nichts daran, dass die Hebelung im System heute ebenso fragil übertrieben ist wie zu Beginn der Krise. Und so schlägt jeder Zahlungsausfall von Schuldnern gehebelt auf andere Bereiche des Finanzsystems durch. Das Bankensystem ist insgesamt insolvent und war es vielleicht sogar seit langer Zeit. Aufgeweichte Bilanzierungsregeln verhindern, dass Finanzinstitute Insolvenz anmelden müssen.
Daher brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn US-Finanzinstitute plötzlich gezielt wohlhabende Europäer umgarnen. Es fehlt dringend an Kapital im System.
So ist das nun einmal in unserem genialen Finanzsystem am Rande seiner Funktionsfähigkeit.
Achten Sie Ihr Kapital und achten Sie auf Ihr Kapital; höchstwahrscheinlich tut das außer Ihnen niemand.
Und: Denken Sie gut.
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Handelsblatt: Wirtschaftsweiser Schmidt:
„Diesen Diskurs werden wir nicht mehr los“: Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht das Maß aller Dinge, darin besteht Einigkeit.
http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrichten/wirtschaftsweiser-schmidt-diesen-diskurs-werden-wir-nicht-mehr-los;2709857