Wir hatten uns bereits gefragt, wie Zentralbanken auf steigende Verbraucherpreise, insbesondere Rohstoffpreise, reagieren würden. Aus Großbritannien erhalten wir nun Antwort. [Eigene Hervorhebungen]
Inflation lässt Bank of England kalt
Der scharfe Anstieg der britischen Inflation in den vergangenen Monaten ändert vorläufig nichts am geldpolitischen Kurs der Bank of England (BoE). [...]
Im Dezember war die Inflation auf der Insel auf 2,9 Prozent hochgeschnellt, im Januar dürfte sie laut King gar über drei Prozent liegen. [...]
Nach Ansicht der BoE sind dafür jedoch kurzfristige Sonderfaktoren verantwortlich - vor allem höhere Treibstoffpreise und die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer im Jahr 2009. "Die Geldpolitik kann wenig tun, um diese kurzfristigen Veränderungen der Inflation zu beeinflussen", so King.
Die Zentralbank orientiere sich an den mittelfristigen Inflationsaussichten. Und diese seien angesichts der nach wie vor anhaltenden Wirtschaftskrise sehr moderat. "Es gibt nach wie vor signifikante Überkapazitäten, die die Teuerung bremsen werden", betonte King. Zudem seien die Probleme im Bankensektor immer noch nicht ausgestanden; dies werde die Kreditversorgung der Wirtschaft belasten. [...]
Vergangene Woche hat die BoE ihr Notprogramm zum Kauf von Staatsanleihen, über das sie 200 Mrd. Pfund in die Wirtschaft gepumpt hat, ausgesetzt. Dies stehe aber in keinem Zusammenhang mit dem kurzfristigen Inflationsanstieg, signalisierte King. Die Bank stehe Gewehr bei Fuß. "Es ist viel zu früh, um zu sagen, dass wir keine weiteren Aufkäufe mehr brauchen", betonte er. "Weitere Käufe werden gemacht, wenn sie sich als nötig erweisen."
Die Fakten
Mervyn King, Präsident der Bank of England, hat in weiten Teilen Recht. Aber seine Argumentationskette ist unzutreffend, und seine Botschaft ist beunruhigend.
Der Einfluss der Geldpolitik ist beeschränkt. Die Geldmenge wird effektiv durch die Kreditvergabe der Geschätsbanken beeinflusst, nicht durch die Zentralbank. Um die Geldmenge beizubehalten bedarf es Banken mit gesunden Bilanzen. Banken, die in ihren Bilanzen unzutreffend bewertete Sicherheiten führen, verleihen kein Geld und werden zu Zombies, so wie die Banken in Japan in den letzten zwanzig Jahren. Und nicht nur das: Konsumenten müssen auch Kredite in Anspruch nehmen wollen. Aber mit jedem weiteren Arbeitslosen zügeln drei weitere Konsumenten ihre Kauflust.
Überkapazitäten in der Produktion wirken nur dann preissenkend wenn sich die restlichen Parameter im System nicht ändern. Das Preissenkungspotenzial von Überkapazitäten kann sein deflationäres Moment direkt nur bei Löhnen, Gehältern, Gewinnbeteiligungen, Investitionen und Mieten ausspielen. Alle weiteren (indirekten) deflationären Effekte benötigen Zeit.
Im Gegenzug ignoriert Mervyn King die derzeitigen inflationären Effekte und Gefahren bei Rohstoffpreisen völlig.
Die Übersetzung
Was uns Mervyn King in Wahrheit mitteilt:
Das Bankensystem ist instabil und benötigt wahrscheinlich weitere Liquidität.
Der Staatsanleihen-Markt ist unter Druck und benötigt wahrscheinlich weitere Liquidität.
Die Zentralbank ist gewillt diese Liquidität bereitzustellen, auch wenn hierunter die Verbraucherpreise leiden.
Die Gefahr
Die Zentralbanken orientieren sich an der offiziell berechneten Teuerungsrate. Diese beinhaltet reichlich Produkte, die nicht lebensnotwendig sind. Wenn Rohstoffpreise steigen und die Zentralbanken darauf in ähnlicher Weise reagieren wie die Bank of England dieser Tage, wird eine drastische Umverteilung ihren Lauf nehmen. Denn Inflation ist unsozial -- Bundesbank-Präsident Axel Weber sieht dies unverblümt.
Die Teuerung der nächsten Wochen in der Eurozone hängt nun wesentlich von der weiteren Kursentwicklung des Euro sowie von der Haltung der EU-Administration ab. Der Euro hat in zwei Monaten rund 10% an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. In welcher Währung bezahlen Sie Rohstoffe? Welche Handelsbeziehungen werden relevant? Wie werden die Unternehmen die gestiegenen Rohstoffpreise an die vorsichtigen Verbraucher mit den geschrumpften Monatsbudgets weitergeben? Werden wir neue EU-Subventionen auf Rohstoff-Importe sehen?
Mitten in einer extrem deflationären Phase wird die Illusion der Überwindung der Krise durch Keynesianismus und umfassende Geldmengenausweitung einen inflationären Sturm entfachen, denn das Verhalten der Konsumenten hängt von deren Erwartungshaltung und Wahrnhmung ab. So lange die offizielle Lesart lautet dass die Krise überwunden ist und "nur die Rohstoffe teurer geworden sind" werden Menschen ihr Kaufverhalten nicht ändern, und die Unternehmen werden die zunächst fast gleichbleibende Nachfrage zu befriedigen trachten und somit die Rohstoffpreise weiter nach oben treiben.
Gute Nacht, und denken Sie gut.
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