Zunächst ein Lob an den Spiegel, der nach recht kontextbefreiten Berichten in den vergangegen Wochen das angebliche Jobwunder in Deutschland einmal realistisch betrachtet hat; siehe Das Jobwunder, das keines ist. In diesem Zusammenhang vielleicht auch ein Hinweis, womöglich gar eine Selbstanzeige, in eigener Sache: Die Zeit, die für denkfaul.de investiert wird, ist gestohlene Zeit. Zum Glück stehlen wir uns diese Zeit selbst. Wir erheben somit den Begriff der Selbstanzeige geradezu in eine ungeahnte semantische Dimension, da wir nicht nur uns selbst anzeigen, sondern dies auch noch bezüglich eines Deliktes, das wir an uns selbst begehen. Folglich freuen wir uns, wenn Massenmedien endlich in Richtung Wahrheit vordringen, denn denkfaul.de entbehrt jeglicher wirtschaftlicher Tragfähigkeit.
Nun zu den deutlich gesunkenen Einzelhandelsumsätzen in Deutschland im September 2010. Zur Erinnerung: Deutschland für sich genommen war 2009 die viertgrößte Volkswirtschaft auf unserem Planeten. Daher ist das Konsumverhalten hierzulande von recht großer Bedeutung.
Wenn Sie mit gesundem Menschverstand in den letzten Wochen in den Einkaufsmeilen unterwegs waren und/oder denkfaul.de lesen, dürften Sie eigentlich von den Zahlen nicht überrascht sein. Für Überraschung sorgt eher die Aufbereitung. Auffällig ist wie üblich das Fehlen jeglichen Kontexts, in dem die Information präsentiert wird.
So titelt dpa-AFX Einzelhandel zieht im September leicht an und bezieht sich hierbei auf den schwachen Vorjahresmonat. Preisbereinigt soll der Umsatz im September 2010 also 0,4% über demjenigen des schwachen September 2009 gelegen haben.
Die gute alte Preisbereinigung. Nun kommt es darauf an, wie das Statistische Bundesamt hier vorgeht. Wird erst die Summe aller Umsätze gebildet, und dann die gemittelte Teuerungsrate angewendet? Oder werden die Summen der Umsätze mit den jeweiligen Gütern um die jeweils für diese Güter ermittelte Teuerungsrate zu Grunde gelegt? Na? Wissen Sie's? Und Ihnen ist sicher aufgefallen, dass Brot teurer geworden ist, Haushaltsgeräte hingegen billiger, oder? Die unterschiedlichen Rechenwege würden folglich zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Beachten Sie, dass der Umsatz mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren gegenüber dem schwachen September 2009 um 3,5% gesunken ist (womöglich trotz der nicht angemessen einberechneten Teuerung). Woher kommen dann die 0,4% Steigerung? Aus den Verkäufen im Einzelhandel ohne Lebensmittel.
Klingt gut, oder? In Deutschland werden anscheinend wie wild Konsumgüter gekauft.
Oder auch nicht. Erinnern Sie sich? Im August 2009 lief die Abwrackprämie, Pardon, Umweltprämie aus. Ohne die Zahlen zu recherchieren sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass die Fahrzeugverkäufe im September 2009 außergewöhnlich schwach gewesen sein werden.
Fazit: Ohne die Abwrackprämie gäbe es die "Steigerung" (genau genommen: Rückkehr zur Normalität) bei den nicht-Lebensmittel-Umsätzen im September 2010 vermutlich nicht, und statt 0,4% Wachstum müsste ein Umsatzrückgang gegenüber dem schwachen September 2009 vermeldet werden.
Denken Sie gut.
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Freitag, 29. Oktober 2010
Verstehen Sie das: Einzelhandelsumsatz in Deutschland im September 2010
Geschrieben von Dennis
in Einsichten, Merkwürdigkeiten
um
11:15
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Mittwoch, 20. Oktober 2010
Lebensmittelknappheit, Währungskrieg, Handelskrieg: Im Jahr 2010 versäumt die Welt ihre Chancen
Chancen gibt es immer. Sie wahrzunehmen setzt voraus, den Tatsachen unerschrocken ins Auge zu blicken und die eigenen Strategien und Taktiken den Gegebenheiten anzupassen. Davon ist im Jahr 2010 auf der Welt nicht viel zu sehen. Sie, die Welt, scheint vielmehr damit beschäftigt zu sein nach und nach herausfinden zu wollen, was in den letzten Jahrzehnten überhaupt geschehen ist. Unterdessen verstreichen historische Chancen ungenutzt.
Lebensmittelknappheit im Jahr 2010 wird langsam offiziell wahrgenommen
Die bereits seit einem Jahr absehbare Lebensmittelknappheit für das Jahr 2010, die sich im Spätsommer 2010 zusehends manifestiert, erhält nunmehr den offiziellen Status einer Bedrohung.
Ende September 2010 traf sich die Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen (UN) in Rom zu einer Sondersitzung wegen der drohenden Nahrungsmittelknappheit. Im dazugehörigen Briefing unterbreitet Olivier de Schutter, United Nations Special Rapporteur on the Right to Food, die folgenden Vorschläge zur Verbesserung de Situation: Regulierung des Zugangs zu und der Nutzung von Finanzinstrumenten für Lebensmittel sowie Schaffung und Organisation eines zentralen Vorrats.
Jetzt, im Oktober 2010, hat sogar die wohl meistbeachtete Organisation im Agrarsektor, das United States Department of Agriculture (USDA), ihre Ernteprognosen senken müssen. Bislang war die USDA eher dadurch aufgefallen, dass sie eine Rekordernte prognostiziert, zugleich aber einer großen Zahl landwirtschaftlicher Regionen in den USA einen desaströsen Zustand attestiert hatte. Dass die meisten Marktteilnehmer von der Senkung der USDA-Prognosen "überrascht" wurden, während sich zugleich in den regionalen Medien die Berichte über ungünstige Witterung und schlechte landwirtschaftliche Erträge (gesamte Nordhalbkugel), verrottete Vorräte (Asien), ratlose Landwirte und ungewöhnliche Rohstoffströme häuften, zeigt wohl, wie wenig verlässlich offizielle Zahlen und Expertenmeinungen gelegentlich sind.
Zuvor wurden sich auch Frankreich und Deutschland bereits Anfang September 2010 einig, dass Spekulationen an den Wartenterminbörsen das größte Problem darstellen. Hierdurch würden die Preise für Lebensmittel so weit nach oben getrieben, dass sich ärmere Länder keine Importe leisten könnten.
Es gilt jedoch festzustellen, dass im vorliegenden Fall in Wahrheit völlig falsch (nämlich auf eine Rekordernte) spekuliert wurde und daher die Argumentation der UN, Frankreichs und Deutschlands ins Leere greift. An den Märkten für Agrarrohstoffe war seit Monaten zu beobachten, dass Marktteilnehmer bereit waren, höhere Preise als die an den Börsen ermittelten zu zahlen, um sofort Ware zu erhalten. Der Grund hierfür war, dass die zu hoch angesetzten Zahlen der USDA dafür sorgten, dass alle Marktteilnehmer auf ausreichende Mengen der Rohstoffe in der Zukunft hofften, daher mit fallenden Preisen rechneten und sich nur ad hoc mit der jeweils dringend benötigten Menge eindeckten. Allerdings waren diese benötigten Mengen aufgrund der schlechten Ernten kaum verfügbar, so dass für die Lieferungen Aufpreise bezahlt werden mussten. Hätte die USDA realistische Schätzungen veröffentlicht, wären die Preise bereits seit Monaten auch an den Börsen höher gewesen.
Es ist rätselhaft, wie die Vereinten Nationen meinen, in einem Markt mit knappen Waren Gutes tun zu können, indem sie ihn durch den Aufbau eines zentralen Lagers zusätzlich belasten. Das würde weiteren Preisdruck mit sich bringen. Und mit welcher Art von Verwaltung wollen die Vereinten Nationen denn beschließen, welche Mengen Agrarrohstoffe wo genau hingeliefert werden, wenn wirklich der Ernstfall eintritt?
Aber einmal angenommen, Spekulanten seien wirklich verantwortlich für die zurzeit hohen Rohstoffpreise. Dann stellt sich doch die Frage, woher diese Spekulanten eigentlich das Geld dafür nehmen, die Preise so hoch zu treiben, dass sich ärmere Länder keine Lebensmittelimporte mehr leisten können.
Und diese Frage führt uns direkt zurück zum Triffin-Dilemma. Der US-Dollar unterliegt als Weltreservewährung in der jetzigen Situation erheblichen Interessenskonflikten. Die USA mögen die Geldmenge immer noch weiter ausdehnen wollen, um das ohnehin Unvermeidbare weiter hinauszuzögern. Und nur für die USA selbst wäre das ja auch in Ordnung. Aber da die meisten Rohstoffe in US-Dollar gehandelt werden müssen, fließt die überschüssige Liquidität regelmäßig in Investitionsblasen. Das kann man allein am langfristigen DAX-Chart sehr gut sehen.
Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman persönlich hat bestätigt, dass diese Investitionsblasen vorsätzlich geschaffen und also in Kauf genommen werden. Sind also wirklich Spekulanten der Kern des Problems, wenn derzeit steigende Rohstoffpreise zu beklagen sind? Oder ist es vielmehr ein völlig überkommenes Welt-Währungs-Gefüge, das für eine Reihe von Marktteilnehmern unfaire Rahmenbedingungen schafft? Richard W. Fisher von der US-Zentralbank-Filiale in Dallas sagte jedenfalls gestern in einer Rede, dass er in einigen Momenten voller Selbstzweifel zu glauben begonnen habe, dass die geldpolitischen Maßnahmen der US-Zentralbank womöglich völlig falsche Auswirkungen haben könnten.
Wenn dies zuträfe, so stellte die Maßnahme der UN lediglich eine Umverteilung dar; genau genommen eine Belastung der Steuerzahler der großen Träger-Staaten dieser UN-Idee, mit der sich diejenigen außerhalb der USA zusätzlich ins eigene Fleisch schneiden: So lange die so umverteilten Rohstoffe auch noch mit US-Dollar bezahlt werden müssen, finanzieren die nicht-US-Steuerzahler indirekt über diese Maßnahme zur Linderung des Hungers auf der Welt gleich noch eine Mischung aus Kaufkrafterhalt für den US-Dollar und importierter Teuerung für ihren Währungsraum mit.
Die Ernten werden 2010 für 2011 übrigens voraussichtlich auch nicht besser ausfallen.
Merkwürdig, dass man das "den Spekulanten" nicht gleich auch noch in die Schuhe schieben will. Aber vielleicht wäre das doch zu offenkundiger Unsinn. Höhere Marktpreise bieten den Erzeugern immerhin mehr finanziellen Spielraum, um mehr auszusäen, die Ernte unter schwierigen Bedingungen zu retten, und so weiter. Erstaunlich, dass der Markt das Problem im Grunde selbst regeln würde. Jedenfalls so lang das Gesamtsystem noch organisch wachsen oder sich stabilisieren kann, und so lang alle Staaten eine gewisse Kaufkraft aufbringen können.
Währungskrieg mit ungleichen Waffen
Daran, dass das Gesamtsystem noch organisch wachsen kann, darf allerdings berechtigter Zweifel bestehen. Und so ist inzwischen sogar in den etablierten Medien von einem Abwertungswettlauf der Währungen, von einem Währungskrieg die Rede.
Dabei scheint es keine Regeln zu geben. So behauptet Ben Bernanke, Oberhaupt der angeblich unabhängigen US-Zentralbank Federal Reserve, die US-Staatsverschuldung gefährde die wirtschaftliche Zukunft der USA. Inzwischen ist seine Zentralbank der zweitgrößte Eigentümer von US-Staatsanleihen nach China. Hat ihn jemand gezwungen, die Anleihen zu kaufen? Oder will er den US-Dollar schwächen, weil ja der chinesische Yuan angeblich überbewertet ist? Oder arbeitet er im Auftrag der privaten Geldinstitute, die Anteilseigner der Federal Reserve sind, gegen die US-Regierung und beginnt damit, das Vertrauen zu zerstören? Nur Ihre Phantasie setzt hier Grenzen bei der Interpretation seiner Aussage. Wie auch immer: Für die USA ist es am einfachsten, einfach wieder die Geldmenge auszuweiten. Das schadet automatisch den Anderen mehr als ihnen selbst.
So reibungslos funktioniert das nicht überall auf der Welt. In der Eurozone hat man mehr Anlass, sich darüber zu streiten, ob denn nun maßloses Geldausgeben oder rigide Sparsamkeit der richtige Weg sei; schließlich ist der Euro nicht die Weltreservewährung. Und so tragen Axel Weber und Jean-Claude Trichet ihre Uneinigkeit dezent öffentlich aus.
Ärgerlich nur, dass, zumindest an der Systemgrenze, der Euro dem US-Dollar schlicht unterlegen ist, weil praktisch jeder, der auf dem Weltmarkt handeln will, US-Dollar daür benötigt. Und so sehen wir bereits jetzt, im Spätsommer 2010, eine importierte Teuerung aufgrund der US-Dollar-Liquiditätsschwemme, nämlich auf der Grundlage der Rohstoffpreise.
Nachdem das System bereits 2008 mit großem Knall an seine Grenze gestoßen ist, wird das derzeitige angebliche Wachstum bestenfalls den selben Effekt zeitigen. Allerdings mit Einschränkungen:
Handelskrieg
Es wird neu umverteilt. Nicht alle Teilnehmer müssen dem ungleichen Spiel weiter tatenlos zusehen. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage kann keine Zentralbank aushebeln.
Und so werden wir wohl weiterhin Schuldzuweisungen, Strafzölle und Exportbeschränkungen erleben, wenn sich die internationale Staatengemeinschaft nicht konstruktiv einigt. Und einige der Maßnahmen, wie beispielweise die Exportbeschränkung seltener Erden seitens China, werden das Kräfteverhältnis im bestehenden System empfindlich treffen.
Denken Sie gut!
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Lebensmittelknappheit im Jahr 2010 wird langsam offiziell wahrgenommen
Die bereits seit einem Jahr absehbare Lebensmittelknappheit für das Jahr 2010, die sich im Spätsommer 2010 zusehends manifestiert, erhält nunmehr den offiziellen Status einer Bedrohung.
Ende September 2010 traf sich die Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen (UN) in Rom zu einer Sondersitzung wegen der drohenden Nahrungsmittelknappheit. Im dazugehörigen Briefing unterbreitet Olivier de Schutter, United Nations Special Rapporteur on the Right to Food, die folgenden Vorschläge zur Verbesserung de Situation: Regulierung des Zugangs zu und der Nutzung von Finanzinstrumenten für Lebensmittel sowie Schaffung und Organisation eines zentralen Vorrats.
Jetzt, im Oktober 2010, hat sogar die wohl meistbeachtete Organisation im Agrarsektor, das United States Department of Agriculture (USDA), ihre Ernteprognosen senken müssen. Bislang war die USDA eher dadurch aufgefallen, dass sie eine Rekordernte prognostiziert, zugleich aber einer großen Zahl landwirtschaftlicher Regionen in den USA einen desaströsen Zustand attestiert hatte. Dass die meisten Marktteilnehmer von der Senkung der USDA-Prognosen "überrascht" wurden, während sich zugleich in den regionalen Medien die Berichte über ungünstige Witterung und schlechte landwirtschaftliche Erträge (gesamte Nordhalbkugel), verrottete Vorräte (Asien), ratlose Landwirte und ungewöhnliche Rohstoffströme häuften, zeigt wohl, wie wenig verlässlich offizielle Zahlen und Expertenmeinungen gelegentlich sind.
Zuvor wurden sich auch Frankreich und Deutschland bereits Anfang September 2010 einig, dass Spekulationen an den Wartenterminbörsen das größte Problem darstellen. Hierdurch würden die Preise für Lebensmittel so weit nach oben getrieben, dass sich ärmere Länder keine Importe leisten könnten.
Es gilt jedoch festzustellen, dass im vorliegenden Fall in Wahrheit völlig falsch (nämlich auf eine Rekordernte) spekuliert wurde und daher die Argumentation der UN, Frankreichs und Deutschlands ins Leere greift. An den Märkten für Agrarrohstoffe war seit Monaten zu beobachten, dass Marktteilnehmer bereit waren, höhere Preise als die an den Börsen ermittelten zu zahlen, um sofort Ware zu erhalten. Der Grund hierfür war, dass die zu hoch angesetzten Zahlen der USDA dafür sorgten, dass alle Marktteilnehmer auf ausreichende Mengen der Rohstoffe in der Zukunft hofften, daher mit fallenden Preisen rechneten und sich nur ad hoc mit der jeweils dringend benötigten Menge eindeckten. Allerdings waren diese benötigten Mengen aufgrund der schlechten Ernten kaum verfügbar, so dass für die Lieferungen Aufpreise bezahlt werden mussten. Hätte die USDA realistische Schätzungen veröffentlicht, wären die Preise bereits seit Monaten auch an den Börsen höher gewesen.
Es ist rätselhaft, wie die Vereinten Nationen meinen, in einem Markt mit knappen Waren Gutes tun zu können, indem sie ihn durch den Aufbau eines zentralen Lagers zusätzlich belasten. Das würde weiteren Preisdruck mit sich bringen. Und mit welcher Art von Verwaltung wollen die Vereinten Nationen denn beschließen, welche Mengen Agrarrohstoffe wo genau hingeliefert werden, wenn wirklich der Ernstfall eintritt?
Aber einmal angenommen, Spekulanten seien wirklich verantwortlich für die zurzeit hohen Rohstoffpreise. Dann stellt sich doch die Frage, woher diese Spekulanten eigentlich das Geld dafür nehmen, die Preise so hoch zu treiben, dass sich ärmere Länder keine Lebensmittelimporte mehr leisten können.
Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman persönlich hat bestätigt, dass diese Investitionsblasen vorsätzlich geschaffen und also in Kauf genommen werden. Sind also wirklich Spekulanten der Kern des Problems, wenn derzeit steigende Rohstoffpreise zu beklagen sind? Oder ist es vielmehr ein völlig überkommenes Welt-Währungs-Gefüge, das für eine Reihe von Marktteilnehmern unfaire Rahmenbedingungen schafft? Richard W. Fisher von der US-Zentralbank-Filiale in Dallas sagte jedenfalls gestern in einer Rede, dass er in einigen Momenten voller Selbstzweifel zu glauben begonnen habe, dass die geldpolitischen Maßnahmen der US-Zentralbank womöglich völlig falsche Auswirkungen haben könnten.
Wenn dies zuträfe, so stellte die Maßnahme der UN lediglich eine Umverteilung dar; genau genommen eine Belastung der Steuerzahler der großen Träger-Staaten dieser UN-Idee, mit der sich diejenigen außerhalb der USA zusätzlich ins eigene Fleisch schneiden: So lange die so umverteilten Rohstoffe auch noch mit US-Dollar bezahlt werden müssen, finanzieren die nicht-US-Steuerzahler indirekt über diese Maßnahme zur Linderung des Hungers auf der Welt gleich noch eine Mischung aus Kaufkrafterhalt für den US-Dollar und importierter Teuerung für ihren Währungsraum mit.
Die Ernten werden 2010 für 2011 übrigens voraussichtlich auch nicht besser ausfallen.
Merkwürdig, dass man das "den Spekulanten" nicht gleich auch noch in die Schuhe schieben will. Aber vielleicht wäre das doch zu offenkundiger Unsinn. Höhere Marktpreise bieten den Erzeugern immerhin mehr finanziellen Spielraum, um mehr auszusäen, die Ernte unter schwierigen Bedingungen zu retten, und so weiter. Erstaunlich, dass der Markt das Problem im Grunde selbst regeln würde. Jedenfalls so lang das Gesamtsystem noch organisch wachsen oder sich stabilisieren kann, und so lang alle Staaten eine gewisse Kaufkraft aufbringen können.
Währungskrieg mit ungleichen Waffen
Daran, dass das Gesamtsystem noch organisch wachsen kann, darf allerdings berechtigter Zweifel bestehen. Und so ist inzwischen sogar in den etablierten Medien von einem Abwertungswettlauf der Währungen, von einem Währungskrieg die Rede.
Dabei scheint es keine Regeln zu geben. So behauptet Ben Bernanke, Oberhaupt der angeblich unabhängigen US-Zentralbank Federal Reserve, die US-Staatsverschuldung gefährde die wirtschaftliche Zukunft der USA. Inzwischen ist seine Zentralbank der zweitgrößte Eigentümer von US-Staatsanleihen nach China. Hat ihn jemand gezwungen, die Anleihen zu kaufen? Oder will er den US-Dollar schwächen, weil ja der chinesische Yuan angeblich überbewertet ist? Oder arbeitet er im Auftrag der privaten Geldinstitute, die Anteilseigner der Federal Reserve sind, gegen die US-Regierung und beginnt damit, das Vertrauen zu zerstören? Nur Ihre Phantasie setzt hier Grenzen bei der Interpretation seiner Aussage. Wie auch immer: Für die USA ist es am einfachsten, einfach wieder die Geldmenge auszuweiten. Das schadet automatisch den Anderen mehr als ihnen selbst.
So reibungslos funktioniert das nicht überall auf der Welt. In der Eurozone hat man mehr Anlass, sich darüber zu streiten, ob denn nun maßloses Geldausgeben oder rigide Sparsamkeit der richtige Weg sei; schließlich ist der Euro nicht die Weltreservewährung. Und so tragen Axel Weber und Jean-Claude Trichet ihre Uneinigkeit dezent öffentlich aus.
Ärgerlich nur, dass, zumindest an der Systemgrenze, der Euro dem US-Dollar schlicht unterlegen ist, weil praktisch jeder, der auf dem Weltmarkt handeln will, US-Dollar daür benötigt. Und so sehen wir bereits jetzt, im Spätsommer 2010, eine importierte Teuerung aufgrund der US-Dollar-Liquiditätsschwemme, nämlich auf der Grundlage der Rohstoffpreise.
Nachdem das System bereits 2008 mit großem Knall an seine Grenze gestoßen ist, wird das derzeitige angebliche Wachstum bestenfalls den selben Effekt zeitigen. Allerdings mit Einschränkungen:
Handelskrieg
Es wird neu umverteilt. Nicht alle Teilnehmer müssen dem ungleichen Spiel weiter tatenlos zusehen. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage kann keine Zentralbank aushebeln.
Und so werden wir wohl weiterhin Schuldzuweisungen, Strafzölle und Exportbeschränkungen erleben, wenn sich die internationale Staatengemeinschaft nicht konstruktiv einigt. Und einige der Maßnahmen, wie beispielweise die Exportbeschränkung seltener Erden seitens China, werden das Kräfteverhältnis im bestehenden System empfindlich treffen.
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Samstag, 16. Oktober 2010
Ökonomen verklären Deutschland: Die Weltkonjunktur-Lokomotive
Das Handelsblatt befragte 13 Ökonomen nach ihren Einschätzungen zur aktuellen wirtschaftlichen Lage sowie der Rolle Deutschlands. Die Redakteure Holger Alich, Dorit Heß, Dirk Heilmann und Jan Mallien fassen die zusammengetragenen Meinungen so zusammen:
Schauen wir doch einmal genauer hin.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank, meint:
Chinas Wachstum erfolge nachhaltig und ohne Immobilienblase wie in den USA oder Spanien. Deutschlands Erholung basiere auf den niedrigen Lohnstückkosten, die den in Asien aktiven deutschen Unternehmen zum Vorteil gereiche.
Wir meinen: Ja, Herr Krämer, es stimmt, dass Deutschland keine Konjunktur-Lokomotive ist, sondern lediglich von der Nachfrage in Wachstumsmärkten profitiert. Doch wir fragen: 1) Lässt sich die Entwicklung in China wirklich mit derjenigen in den USA oder Spanien vergleichen, um die Frage zu beantworten, ob eine Investitionsblase vorherrscht? 2) Was wäre, wenn das Wachstum in China an eine natürliche Grenze geriete? 3) Wie steht es um den Teil der deutschen Wirtschaft, der auf asiatischen Märkten nicht präsent ist?
Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, meint:
Das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung werde weltweit im Verlauf des Jahres 2011, in Deutschland gegen Ende 2011 und im Euro-Raum wahrscheinlich erst nach 2012 wieder erreicht. Wegen der in der EU vorherrschenden Sparpolitik sei auch die Gefahr einer erneuten Rezession in der EU am größten.
Wir meinen: Ja, Herr Horn, es stimmt, dass Deutschland die wirtschaftliche Erholung nicht anführt. Aber wir fragen: 1) Wissen Sie nicht, dass die Rezession in den USA trotz der offiziellen Darstellung nie endete, und neue Probleme sich bereits deutlich abzeichnen, und das trotz der dortigen Stimulus-Programme? 2) Welche aktuellen Informationen über die Exporte Deutschlands ziehen Sie für Ihre Einschätzung heran, wenn Sie meinen, dass sich Deutschland, im Gegensatz zu seinen EU-Handelspartnern, rasch erholen wird?
Richard C. Koo, Chefvolkswirt Nomura Forschungsinstitut, meint:
In den USA bestehe in Abhängigkeit von den Zwischenwahlen das Risiko einer erneuten Rezession. In der EU sei eine erneute Rezession sicher, wenn die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte weiter vorangetrieben werde, da sich zeitgleich auch der Privatsektor entschulde.
Wir meinen: Ja, Herr Koo, es stimmt, dass eine nominelle Erholung der Wirtschaft nicht möglich ist, wenn Schulden abgebaut werden oder abgeschrieben werden müssen und keine Neuverschuldung stattfindet; schön, dass Sie unser Geldsystem in Ihre Betrachtungen mit einbeziehen! Jedoch fragen wir: 1) Glauben Sie wirklich, dass sich Republikaner und Demokraten in den USA gegenseitig das Leben schwer machen würden; und hat die US-Zentralbank nicht genügend Spielraum, um die Märkte zu stützen? 2) Glauben Sie im Ernst noch daran, dass die Ausweitung der Geldmenge eine nachhaltige Wirkung zeigt, obwohl das beispielsweise in Japan seit 20 Jahren nicht funktioniert?
Patrick Artus, Chefvolkswirt Natixis, meint:
Bei der Krise handle es sich um eine globale Schuldenkrise, welche die Nationen der Welt in zwei Gruppen gespalten habe. Diejenigen, in denen das Wachstum vor der Krise auf Krediten basiert habe (Osteuropa, Spanien, Irland, Portugal), würden sich langsamer erholen als diejenigen, die Überschüsse erwirtschaftet hätten (China, Deutschland). Die wahren Gewinner seien aufstrebende Nationen, die auf Überschüsse zurückgreifen könnten.
Wir meinen: Ja, Herr Artus, es handelt sich bei dieser Krise aus finanzieller Sicht um eine Solvenzkrise, und die Zugpferde der Erholung sind aufstrebende Nationen ohne Überschuldung. Dennoch fragen wir: 1) Warum fehlen in Ihren beispielhaften Aufzählungen die USA? 2) Glauben Sie denn gar nicht an die Wirksamkeit Liquidität bildender Maßnahmen; nicht einmal, wenn sie diejenige Nation durchführt, welche die Weltreservewährung ihr Eigen nennt?
Elga Bartsch, Europa-Expertin Morgan Stanley, meint:
Die deutsche Wirtschafts- und Fiskalpolitik sei vorbildlich. Deutschland werde, besonders im EU-Vergleich, wirtschaftlich gut dastehen; nicht zuletzt wegen der fortschrittlichen Globalisierung.
Wir meinen: Ja, Frau Bartsch, Deutschland wird wohl besser dastehen als die anderen EU-Staaten. Dessenungeachtet fragen wir: 1) Das macht Deutschland noch lang nicht zu einer Lokomotive, nicht wahr? 2) Wie sieht Ihr Wirtschaftsmodell aus, wenn Sie Wachstum und Schuldenabbau nicht als Gegensätze ausschließen? 3) Was hat eine Nation, abgesehen von der Auslagerung qualifizierter Arbeitsplätze, konkret von Globalisierung, insebsondere wenn diese in den letzten Zügen liegt?
Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz, meint:
Ein anhaltender Konjunkturboom in Deutschland sei angesichts der notwendigen Sparmaßnahmen hierzulande und in Partnerländern nicht in Sicht.
Wir meinen: Ja, Herr Heise. Schön, dass Sie sich offenbar Ihren gesunden Menschenverstand bewahrt haben.
Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)
Deutsche Unternehmen seien durch ihre Auslandsinvesitionen in Vertrieb, Service und Produktion gut für den kommenden Aufschwung gerüstet. Deutsche Unternehmen seien zudem innovativ.
Wir meinen: Ja, Herr Driftmann, Deutschland läuft nicht an der Spitze der Erholung, sondern kann den Profiteuren der Erholung gute Angebote unterbreiten. Allerdings fragen wir: Wie profitiert Deutschland von Arbeitsplätzen, die im Ausland geschaffen werden, und Unternehmensgewinnen, die im Ausland verbleiben?
Ulrich Kater, Chefvolkswirt Deka-Bank, meint:
Der Wechselkurs des Euro zum US-Dollar sei in weiten Grenzen unerheblich, weil der größte Teil der Exporte und Importe der EU-Staaten innerhalb der Eurozone stattfinde. Zudem erlaube die Qualität deutscher Waren höhere Weltmarktpreise.
Wir meinen: Ja, Herr Kater, die direkten Exporte Deutschlands mit Handelspartnern außerhalb der EU spielen wegen der ausländischen Produktionsstandorte deutscher Unternehmen eine immer geringere Rolle. Doch wir fragen: Wie kann sich Deutschland erholen, wenn seine wichtigsten Handelspartner innerhalb der EU schwächeln?
Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank, meint:
Im Euroraum werde Deutschland zur Wachstumsspitze gehören. Das Wachstum werde sich jedoch abschwächen.
Wir meinen: Ja, Herr Mayer. Kennen Sie Herrn Heise?
Pier Carlo Padoan, OECD-Chefökonom, meint:
Deutschland sei an sich gut für die Zeit nach der Krise gerüstet. Jedoch seien erhebliche strukturelle Veränderungen nötig, um Deutschland zukunftssicher zu machen: Weniger Regulierung, Öffnung der Dienstleistungsmärkte, bessere Bildung, vereinfachte Immigration.
Wir möchten uns eines Kommentars lieber enthalten.
Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt Goldman Sachs
Wachstumstreiber der kommenden Jahre würden all jene Länder, in denen weder eine Immobilienblase noch private Überschuldung vorherrsche. Hierzu gehörten Schwellenländer ebenso wie Überschussländer der EU wie beispielsweise Deutschland. Nach drei Jahren werde sich das Wachstum überall auf der Welt wieder angleichen.
Wir meinen: Ja, Herr Schumacher, Wirtschaft wird durch privaten Konsum getrieben, und es können diejenigen konsumieren, die Geld ausgeben können. Indes, wir haben Fragen: 1) Haben Sie nicht die Marktsättigung übersehen; gibt es in den Schwellenländern nicht einen anderen Bedarf als in Deutschland? 2) Wie sollen Staaten mit überschuldeten Konsumenten wie die USA in drei Jahren wieder so stark wachsen wie Schwellenländer, ohne dass zwischenzeitlich gute von schlechten Schulden unterschieden wurden= 3) Wie soll die Weltwirtschaft weiter wachsen, wenn die Globalisierung bereits dabei ist, sich selbst einzuholen?
Marie Diron, Europa-Chefvolkswirtin Oxford Economics
Deutschland werde sich schneller erholen als die Eurozone, die sich ihrerseits langsamer erholen werde als die Weltwirtschaft. Die globale Verflechtung der Nationen vereitele die Rolle einzelner Nationen als Wachstumsmotoren. Ein Rückfall in die Rezession sei möglich. Deutschland müsse den privaten Konsum sowie inländische Unternehmens-Investitionen ankurbeln.
Wir meinen: Ja, Frau Diron, ein Rückfall in eine Rezession bleibt möglich. Und wir fragen: 1) Wie können Sie in Zeiten, in denen wir mehr und mehr exklusive Lieferstrukturen für wichtige, das Wachstum absichernde Rohstoffe sehen, davon reden, dass es keine einzelnen Wachstumsmotoren mehr geben könne? 2) Warum muss Deutschland als großer Exporteur (vorrangig in die EU) weitere Stimulus-Programme auflegen?
Erik Berglöf, Chefvolkswirt Osteuropabank (EBRD), meint:
Die Weltwirtschaft erhole sich vorrangig dank der Schwellenländer. Deutschland profitiere von deren Erholung. Es gebe geringe Risiken bezüglich der weiteren Erholung (Finanzturbulenzen, schwache EU-Staaten).
Wir meinen: Ja, Herr Berglöf, Deutschland exportiert auch in die Wachstums-Lokomotiven dieser Erholung. Und wir fragen: Warum halten Sie die Risiken für gering?
Fazit
1. Wenn Ökonomen sich artikulieren, hören Sie besser ganz genau zu. Aufgrund der globalen Strukturen ist es ein erheblicher Unterschied, ob es Deutschland oder deutschen Unternehmen gutgeht.
2. Deutschland als Weltkonjunktur-Lokomotive zu bezeichnen ist schlicht unzutreffend. Deutschland ist ein Anhänger mit Beratern, Ingenieuren und Werkzeugen, den man sich gern an den eigenen Zug anhängt, wenn man genug Geld hat.
3. Die meisten präsentierten Standpunkte haben mindestens eine wichtige Rahmenbedingung ignoriert.
4. Bedenken Sie die Regeln der Prozentrechnung für Investoren. Wenn die deutsche Wirtschaft 2009 um 5% geschrumpft ist und sodann in 2010 um 3,5% und in 2011 um 1,5% wächst, hat sie ihre ursprüngliche Größe nicht wieder erreicht. Schon gar nicht, wenn nebenbei die Staatsverschuldung für nicht nachhaltige Stimulus-Programme innerhalb eines Jahres verdoppelt wurde.
5. Denken Sie gut...
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Die Weltwirtschaft ist auf einem guten Weg, und Deutschland zählt zu ihren Stützen.Und immerhin bezeichnet der Artikel Deutschland als Konjnktur-Lokomotive.
Schauen wir doch einmal genauer hin.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank, meint:
Chinas Wachstum erfolge nachhaltig und ohne Immobilienblase wie in den USA oder Spanien. Deutschlands Erholung basiere auf den niedrigen Lohnstückkosten, die den in Asien aktiven deutschen Unternehmen zum Vorteil gereiche.
Wir meinen: Ja, Herr Krämer, es stimmt, dass Deutschland keine Konjunktur-Lokomotive ist, sondern lediglich von der Nachfrage in Wachstumsmärkten profitiert. Doch wir fragen: 1) Lässt sich die Entwicklung in China wirklich mit derjenigen in den USA oder Spanien vergleichen, um die Frage zu beantworten, ob eine Investitionsblase vorherrscht? 2) Was wäre, wenn das Wachstum in China an eine natürliche Grenze geriete? 3) Wie steht es um den Teil der deutschen Wirtschaft, der auf asiatischen Märkten nicht präsent ist?
Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, meint:
Das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung werde weltweit im Verlauf des Jahres 2011, in Deutschland gegen Ende 2011 und im Euro-Raum wahrscheinlich erst nach 2012 wieder erreicht. Wegen der in der EU vorherrschenden Sparpolitik sei auch die Gefahr einer erneuten Rezession in der EU am größten.
Wir meinen: Ja, Herr Horn, es stimmt, dass Deutschland die wirtschaftliche Erholung nicht anführt. Aber wir fragen: 1) Wissen Sie nicht, dass die Rezession in den USA trotz der offiziellen Darstellung nie endete, und neue Probleme sich bereits deutlich abzeichnen, und das trotz der dortigen Stimulus-Programme? 2) Welche aktuellen Informationen über die Exporte Deutschlands ziehen Sie für Ihre Einschätzung heran, wenn Sie meinen, dass sich Deutschland, im Gegensatz zu seinen EU-Handelspartnern, rasch erholen wird?
Richard C. Koo, Chefvolkswirt Nomura Forschungsinstitut, meint:
In den USA bestehe in Abhängigkeit von den Zwischenwahlen das Risiko einer erneuten Rezession. In der EU sei eine erneute Rezession sicher, wenn die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte weiter vorangetrieben werde, da sich zeitgleich auch der Privatsektor entschulde.
Wir meinen: Ja, Herr Koo, es stimmt, dass eine nominelle Erholung der Wirtschaft nicht möglich ist, wenn Schulden abgebaut werden oder abgeschrieben werden müssen und keine Neuverschuldung stattfindet; schön, dass Sie unser Geldsystem in Ihre Betrachtungen mit einbeziehen! Jedoch fragen wir: 1) Glauben Sie wirklich, dass sich Republikaner und Demokraten in den USA gegenseitig das Leben schwer machen würden; und hat die US-Zentralbank nicht genügend Spielraum, um die Märkte zu stützen? 2) Glauben Sie im Ernst noch daran, dass die Ausweitung der Geldmenge eine nachhaltige Wirkung zeigt, obwohl das beispielsweise in Japan seit 20 Jahren nicht funktioniert?
Patrick Artus, Chefvolkswirt Natixis, meint:
Bei der Krise handle es sich um eine globale Schuldenkrise, welche die Nationen der Welt in zwei Gruppen gespalten habe. Diejenigen, in denen das Wachstum vor der Krise auf Krediten basiert habe (Osteuropa, Spanien, Irland, Portugal), würden sich langsamer erholen als diejenigen, die Überschüsse erwirtschaftet hätten (China, Deutschland). Die wahren Gewinner seien aufstrebende Nationen, die auf Überschüsse zurückgreifen könnten.
Wir meinen: Ja, Herr Artus, es handelt sich bei dieser Krise aus finanzieller Sicht um eine Solvenzkrise, und die Zugpferde der Erholung sind aufstrebende Nationen ohne Überschuldung. Dennoch fragen wir: 1) Warum fehlen in Ihren beispielhaften Aufzählungen die USA? 2) Glauben Sie denn gar nicht an die Wirksamkeit Liquidität bildender Maßnahmen; nicht einmal, wenn sie diejenige Nation durchführt, welche die Weltreservewährung ihr Eigen nennt?
Elga Bartsch, Europa-Expertin Morgan Stanley, meint:
Die deutsche Wirtschafts- und Fiskalpolitik sei vorbildlich. Deutschland werde, besonders im EU-Vergleich, wirtschaftlich gut dastehen; nicht zuletzt wegen der fortschrittlichen Globalisierung.
Wir meinen: Ja, Frau Bartsch, Deutschland wird wohl besser dastehen als die anderen EU-Staaten. Dessenungeachtet fragen wir: 1) Das macht Deutschland noch lang nicht zu einer Lokomotive, nicht wahr? 2) Wie sieht Ihr Wirtschaftsmodell aus, wenn Sie Wachstum und Schuldenabbau nicht als Gegensätze ausschließen? 3) Was hat eine Nation, abgesehen von der Auslagerung qualifizierter Arbeitsplätze, konkret von Globalisierung, insebsondere wenn diese in den letzten Zügen liegt?
Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz, meint:
Ein anhaltender Konjunkturboom in Deutschland sei angesichts der notwendigen Sparmaßnahmen hierzulande und in Partnerländern nicht in Sicht.
Wir meinen: Ja, Herr Heise. Schön, dass Sie sich offenbar Ihren gesunden Menschenverstand bewahrt haben.
Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)
Deutsche Unternehmen seien durch ihre Auslandsinvesitionen in Vertrieb, Service und Produktion gut für den kommenden Aufschwung gerüstet. Deutsche Unternehmen seien zudem innovativ.
Wir meinen: Ja, Herr Driftmann, Deutschland läuft nicht an der Spitze der Erholung, sondern kann den Profiteuren der Erholung gute Angebote unterbreiten. Allerdings fragen wir: Wie profitiert Deutschland von Arbeitsplätzen, die im Ausland geschaffen werden, und Unternehmensgewinnen, die im Ausland verbleiben?
Ulrich Kater, Chefvolkswirt Deka-Bank, meint:
Der Wechselkurs des Euro zum US-Dollar sei in weiten Grenzen unerheblich, weil der größte Teil der Exporte und Importe der EU-Staaten innerhalb der Eurozone stattfinde. Zudem erlaube die Qualität deutscher Waren höhere Weltmarktpreise.
Wir meinen: Ja, Herr Kater, die direkten Exporte Deutschlands mit Handelspartnern außerhalb der EU spielen wegen der ausländischen Produktionsstandorte deutscher Unternehmen eine immer geringere Rolle. Doch wir fragen: Wie kann sich Deutschland erholen, wenn seine wichtigsten Handelspartner innerhalb der EU schwächeln?
Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank, meint:
Im Euroraum werde Deutschland zur Wachstumsspitze gehören. Das Wachstum werde sich jedoch abschwächen.
Wir meinen: Ja, Herr Mayer. Kennen Sie Herrn Heise?
Pier Carlo Padoan, OECD-Chefökonom, meint:
Deutschland sei an sich gut für die Zeit nach der Krise gerüstet. Jedoch seien erhebliche strukturelle Veränderungen nötig, um Deutschland zukunftssicher zu machen: Weniger Regulierung, Öffnung der Dienstleistungsmärkte, bessere Bildung, vereinfachte Immigration.
Wir möchten uns eines Kommentars lieber enthalten.
Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt Goldman Sachs
Wachstumstreiber der kommenden Jahre würden all jene Länder, in denen weder eine Immobilienblase noch private Überschuldung vorherrsche. Hierzu gehörten Schwellenländer ebenso wie Überschussländer der EU wie beispielsweise Deutschland. Nach drei Jahren werde sich das Wachstum überall auf der Welt wieder angleichen.
Wir meinen: Ja, Herr Schumacher, Wirtschaft wird durch privaten Konsum getrieben, und es können diejenigen konsumieren, die Geld ausgeben können. Indes, wir haben Fragen: 1) Haben Sie nicht die Marktsättigung übersehen; gibt es in den Schwellenländern nicht einen anderen Bedarf als in Deutschland? 2) Wie sollen Staaten mit überschuldeten Konsumenten wie die USA in drei Jahren wieder so stark wachsen wie Schwellenländer, ohne dass zwischenzeitlich gute von schlechten Schulden unterschieden wurden= 3) Wie soll die Weltwirtschaft weiter wachsen, wenn die Globalisierung bereits dabei ist, sich selbst einzuholen?
Marie Diron, Europa-Chefvolkswirtin Oxford Economics
Deutschland werde sich schneller erholen als die Eurozone, die sich ihrerseits langsamer erholen werde als die Weltwirtschaft. Die globale Verflechtung der Nationen vereitele die Rolle einzelner Nationen als Wachstumsmotoren. Ein Rückfall in die Rezession sei möglich. Deutschland müsse den privaten Konsum sowie inländische Unternehmens-Investitionen ankurbeln.
Wir meinen: Ja, Frau Diron, ein Rückfall in eine Rezession bleibt möglich. Und wir fragen: 1) Wie können Sie in Zeiten, in denen wir mehr und mehr exklusive Lieferstrukturen für wichtige, das Wachstum absichernde Rohstoffe sehen, davon reden, dass es keine einzelnen Wachstumsmotoren mehr geben könne? 2) Warum muss Deutschland als großer Exporteur (vorrangig in die EU) weitere Stimulus-Programme auflegen?
Erik Berglöf, Chefvolkswirt Osteuropabank (EBRD), meint:
Die Weltwirtschaft erhole sich vorrangig dank der Schwellenländer. Deutschland profitiere von deren Erholung. Es gebe geringe Risiken bezüglich der weiteren Erholung (Finanzturbulenzen, schwache EU-Staaten).
Wir meinen: Ja, Herr Berglöf, Deutschland exportiert auch in die Wachstums-Lokomotiven dieser Erholung. Und wir fragen: Warum halten Sie die Risiken für gering?
Fazit
1. Wenn Ökonomen sich artikulieren, hören Sie besser ganz genau zu. Aufgrund der globalen Strukturen ist es ein erheblicher Unterschied, ob es Deutschland oder deutschen Unternehmen gutgeht.
2. Deutschland als Weltkonjunktur-Lokomotive zu bezeichnen ist schlicht unzutreffend. Deutschland ist ein Anhänger mit Beratern, Ingenieuren und Werkzeugen, den man sich gern an den eigenen Zug anhängt, wenn man genug Geld hat.
3. Die meisten präsentierten Standpunkte haben mindestens eine wichtige Rahmenbedingung ignoriert.
4. Bedenken Sie die Regeln der Prozentrechnung für Investoren. Wenn die deutsche Wirtschaft 2009 um 5% geschrumpft ist und sodann in 2010 um 3,5% und in 2011 um 1,5% wächst, hat sie ihre ursprüngliche Größe nicht wieder erreicht. Schon gar nicht, wenn nebenbei die Staatsverschuldung für nicht nachhaltige Stimulus-Programme innerhalb eines Jahres verdoppelt wurde.
5. Denken Sie gut...
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