DIE ZEIT identifiziert unser Geldsystem als Kernproblem
In ihrem bemerkenswerten Artikel in
DIE ZEIT schreiben Petra Pinzler und Fritz Vorholz, wenn auch unter der wenig versprechenden Überschrift Wirtschaftswachstum: Sind das Spinner? (Hervorhebungen durch denkfaul.de):
Es ließe sich auch sagen, Wachstumswirtschaft sei Misswirtschaft. Ihr zu entsagen heißt aber, eine zentrale politische Philosophie aufzugeben, die da sagt: Wachstum schafft Wohlstand und Jobs. Westliche Politiker haben das umso mehr betont, je niedriger die Wachstumsraten wurden. Ökonomen auch.
Immer war das nicht so. Noch der große britische Vorkriegsökonom John Maynard Keynes war sicher, dass in absehbarer Zeit eine »gesättigte Wirtschaft« kaum mehr wachsen würde, ohne daran zugrunde zu gehen. Selbst der Vater der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, Ludwig Erhard, mahnte noch, keiner solle »allein in der fortdauernden Expansion des Materiellen noch länger das Heil erblicken«.
Heute sagen so etwas nur noch wenige Ökonomen. Zu ihnen gehört Hans Christoph Binswanger aus Sankt Gallen, seines Zeichens Doktorvater des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann. Binswanger hat so gründlich wie kaum ein Zweiter untersucht, was die Wirtschaft antreibt. »Aufs Geld kommt es an«, sagt er. Es verursache beides: Wachstumszwang und Wachstumsdrang.
Tatsächlich können Banken heute in fast unbegrenztem Ausmaß Geld schöpfen, indem sie ihren Kunden zusätzliche Kredite gewähren. Um die Schulden später zurückzahlen zu können, müssen die Kreditnehmer sie gewinnbringend investieren – sie müssen das Sozialprodukt steigern.
Zum Zwang kommt der Drang: Die Teilhaber der Firma erwarten möglichst viel Gewinn. Er kann auch am Aktienmarkt oder durch Immobilienspekulationen erzielt werden – Hauptsache, Wachstum. Die Herausforderung bestehe nun darin, so Binswanger, »die sich kumulierende ökonomische und ökologische Verschuldung rechtzeitig zu bremsen«.
Der Gelehrte, der für seine Ideen viele Preise gewonnen hat, will deswegen das Bankensystem umbauen. Es soll nur noch Geld verleihen, das es schon hat – dann wird es schwer, die Kreditmenge zu steigern und die Wachstumsspirale immer weiter zu treiben.
Davon aber reden die meisten Politiker nicht. Wer will schon als Totengräber des Kapitalismus gebrandmarkt werden?
Großartig! Mehr davon in den etablierten Medien. Zuletzt war im Juni 2009 das
Handelsblatt so mutig, unser Geldsystem kritisch zu betrachten (denkfaul.de berief sich auf das Handelsblatt in
Zentralbanken und Geldsystem: Gewinne, Verluste, Umverteilung). Im
Januar 2010 lief dann im Deutschlandfunk die dreiteilige Sendung Wohlstand ohne Wachstum: Perspektiven der Industriegesellschaft, die per heute nicht mehr online abrufbar ist.
Andere Medien hingegen scheitern:
ARD-Reportage Zocken bis der Staat hilft: Reißt uns die Finanzindustrie in den Abgrund?: Gut recherchiert mit kleinen, aber wichtigen Irrtümern
Durchaus sehenswert, aber mit populären Irrtümern versehen:
Zocken bis der Staat hilft: Reißt uns die Finanzindustrie in den Abgrund?
In dieser Reportage heißt es beispielsweise, Banken hätten mit der AAA-Bewertung versehene US-Subprime-Kreditpakete in ihre Bilanzen genommen, um
zu spekulieren.
Wir können uns jetzt lang darüber auseinandersetzen, was es bedeutet
zu spekulieren, aber Fakt ist, dass diese mit besten Bonitäts-Prädikaten versehenen Bilanzposten es den fraglichen Baken ermöglicht haben, die Geldmenge im großen Stil auszuweiten. Damit wurde zumindest vorübergehend und bei denjenigen Marktteilnehmern, bei denen das Geld ankam, Wohlstand erzeugt.
Selbstverständlich handelte es sich hierbei im Kern um eine Investitionsblase, nämlich um die US-Immobilienblase. Aber Wachstum wäre an vielen Orten bereits vorher nicht mehr möglich gewesen, hätten die Banken diese "Sicherheiten" nicht in ihre Bilanzen aufgenommen.
Die Reportage kritisiert weiter, Banken hätten hierzulande viel mehr dieser Papiere in ihre Bilanzen aufgenommen als US-Banken. Das ist wahr. Aber es fällt schwer zu glauben, dass genau das nicht der Plan der US-Finanzwelt gewesen sein soll: Risiken gezielt ins Ausland zu verlagern. Wie gesagt: Waren diese Banken denn wirklich nicht unter Druck, ihre Kreditvergabe auszuweiten? Wie hätte denn der Aufschwung nach dem Platzen der Dotom-Blase hierzulande ausgesehen, wenn kein Geld dafür zur Verfügung gestanden hätte?
Die Reportage kritisiert in diesem Zusammenhang auch Peer Steinbrück mit seiner Äußerung, die Quelle der Krise sei ausschließlich in den USA zu suchen. Kritikwürdig hieran findet der Bericht, dass es ja im Ermessen der hiesigen Banken gelegen habe, solche Risikopositionen in ihre Bilanzen aufzunehmen. Wir können uns an dieser Stelle nur wiederholen: Banken, die keine Kredite vergeben, geraten ebenso in die Kritik. Und die Papiere waren von US-Ratingagenturen als wenig riskant zertifiziert... auf der Basis faktisch nicht haltbarer, aber damals akzeptierter statistischer Methoden.
ARD-Videochat mit DGB-Vorsitzendem Michael Sommer

Zuächst einen herzlichen Dank an all jene, die mitgeholfen haben, die denkfaul.de-Frage auf Platz vier zu bringen! Leider vergebens. Gestellt wurden die Fragen auf Position eins und sechs. Den
Videochat mit Herrn Sommer finden Sie hier.
Was soll man noch sagen. Ein trauriges Bild. Herr Sommer hielt es nicht einmal für nötig, auf die kritische Frage, was an den Gewerkschaften noch rot sei, überhaupt inhaltlich einzugehen. Vielmehr scheint er sich in einer Situation zu wähnen, in der er solche Fragen mit Überheblichkeit abbügeln kann. Auf die Beharrlichkeit etwa einer Sandra Maischberger hofft die Zuschauerschaft ebenfalls vergeblich.
Prädikat: Bedauerlich
Werte Damen und Herren vom Bundesrechnungshof, werte Damen und Herren vom Bund der Steuerzahler: Die öffentlich-rechtlichen Medien produzieren relevante Beiträge, die aus dem Internet verschwinden, und unverständige Beiträge, die überdauern. Es sind rare Perlen der pivatwirtschaftlichen Medien Handelsblatt und ZEIT, die den Kern unseres Problems augreifen.
In besseren Zeiten wäre das ein Grund zu behaupten, öffentlich-rechtliche Medien gehörten abgeschafft. In diesen Zeiten stimmt es eher nachdenklich.
Und es bleibt dabei.
Wenn nicht bald verstanden wird, dass das Geldsystem selbst das Problem darstellt, verschwenden wir Zeit mit der polarisierenden und konfliktträchtigen Frage nach der sozialen Umverteilung von Geld, das schon nicht mehr im System verfügbar ist.
Tun Sie etwas. Und denken Sie gut.
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