Ganz ruhig. Nur keine Panik.
Papiergeld haben die Chinesen im 11. Jahrhundert eingeführt. Um ein Ärgernis zu beseitigen: Das Reich war zu groß geworden, und in unterschiedlichen Regionen sah man die gängigen Metalle für Münzen als unterschiedlich wertvoll an. Das behinderte den Handel. So ließ der Kaiser Metallvorräte zentral lagern und emittierte stattdessen Zertifikate, die das Recht einräumten, sich von diesem Schatz etwas auszahlen zu lassen.
Das ging so lange gut bis sein Enkel in den Krieg ziehen wollte und zur Kostendeckung die Menge der Zertifikate vergrößerte ohne deren Gegenwert zu erhöhen (also ohne den Schatz zu vergrößern). Als sich das herumsprach begann das Misstrauen und damit die Inflation.
(Ich bitte um Nachsicht für den Fall dass die Geschichte nicht ganz korrekt wiedergegeben sein sollte. Es finden sich wenige Informationen hierüber im Internet. Wer gute Artikel diesbezüglich kennt ist herzlich eingeladen sie hier beizusteuern.)
Unser modernes Papiergeldsystem funktioniert etwas anders. Es basiert ausschließlich auf Schulden, nicht auf Werten. Wenn Ihnen das neu ist lesen Sie den Handelsblatt-Artikel Es werde Geld – es werde Krise und (zumindest) die Einleitung zu Inflation & Deflation, Oktober 2009: Der Klang des Einhand-Klatschens.
Das System ist genial einfach. Es hat nur ein Problem. Es funktioniert optimal wenn die Wirtschaftsleistung ständig wächst... und sonst funktioniert es mehr schlecht als recht. Wie ärgerlich dass die Realität da nicht mithalten kann: Für permanentes Wachstum wäre mindestens die Besiedlung neuer Planenten notwendig gewesen. Liebe NASA: Dumm gelaufen. (Nüchtern betrachtet kann man freilich auch argumentieren, dass es aus der Sicht eines einzigen Währungs- und Wirtschaftsraumes bereits ausreicht die eigene ökonomische Expansion zu erreichen. Dabei muss aber ein anderer Wirtschaftsraum verlieren.)
Wir erinnern uns: An sich möchten Menschen Geld einfach nur nutzen um effektiv zu tauschen. Aber unser Geldsystem führt ein ärgerliches Eigenleben. Darauf komme ich gleich zurück.
Es gibt noch etwas das ein ärgerliches Eigenleben führt: Das Wetter.
Haben Sie schon einmal versucht auf einem Feld, das nur noch Schlamm ist, die Ernte einzufahren? Eric deCarbonnel kennen Sie ja schon. Er hat anhand offizieller Dokumente dargelegt dass die US-Zentralbank Federal Reserve die US-Banken seit 1993 dazu ermuntert hat, bei der Vergabe von Krediten die vom US-Kongress vorgegebene Reservequote für Einlagen zu umgehen. Nun legt er in einer ebenso beeindruckenden Recherche anhand Dutzender Referenzen dar, dass die US-Ernte des Jahres 2009 katastrophal niedrig ausfallen wird... während die USA Lieferversprechen in historisch einmaliger Höhe eingegangen sind. Selbst wenn Sie nur grundlegende Englischknntnisse haben wollen Sie Stage 1 Of The Dollar's Collapse: Food/Gold Shortages Reach Breaking Point auf jeden Fall lesen.
Zurück zum Geld. Wenn Sie den Nerv hatten, den Artikel zu lesen und weitgehend zu verstehen, wird Ihnen nicht entgangen sein dass dort die Rede von Landwirt-Insolvenzen ist. Und davon dass Landwirte nachdrücklich die Frage aufwerfen warum die Marktpreise der Lebensmittel nicht die reale Situation von Angebot und Nachfrage reflektieren. (Das kommt Ihnen hoffentlich aus Europa bekannt vor, oder sind Ihnen die Sperren aus Fischkuttern und Traktoren entgangen?)
Dies bringt uns zurück zu den Banken. Die leihen sich momentan von den Zentralbanken zu historisch niedrigen Zinssätzen Geld, verleihen es aber nicht weiter. Im Gegenteil: Wegen der dramatisch hohen Kreditausfälle sind die Banken gezwungen, den zahlungsfähigen Kunden extrem hohe Zinssätze auf Schulden aufzubürden um die faulen Kredite der zahlungsunfähigen Kunden zu kompensieren (in den USA hat eine Bank kürzlich die Kreditkarten-Zinssätze mit sofortiger Wirkung um 10% angehoben). Schon hieran sieht man, dass unser Geldsystem jede Abweichung von seiner Balance aus sich selbst heraus verstärkt: Der derzeitige Sachzwang bestraft Solvenz, belohnt Insolvenz und verstärkt so das bereits vorliegende Problem. In den USA wird versucht, die resultierende moralische Herausforderung durch eine seit einigen Jahren geltende Verschärfung des privaten Insolvenzrechts auszugleichen. Doch vereinzelt ist zu erfahren, dass man in den USA auch schon mal mit seiner Hypothekenzahlung 18 Monate im Rückstand sein kann bevor die Sachbearbeiter Zeit finden sich zu kümmern. (Das verzerrt nebenbei auch die Zahlen des Häusermarktes.)
Statt das billige Zentralbankgeld zu verleihen spielen die Banken jedoch lieber damit an den Märkten. Das Risiko ist dabei geringer als es jemandem zu leihen der es vielleicht nicht zurückzahlen können wird.
Wenn weniger Hypotheken bewilligt werden leidet darunter unbestritten eine ganze Branche (und in den USA, wo die Menschen dazu angehalten wurden ihre nicht abbezahlte Immobilie aufgrund ihres angeblich immerwährend steigenden Preises noch weiter zu beleihen, sogar mehrere Branchen). Wenn hingegen Weizen und Soja knapp werden leidet darunter der gesamte Planet. Kredite an Landwirte sind daher ein heikles Thema.
Nehmen wir an, Eric deCarbonnel hat Recht. Dann gibt es folgende Risiken.
Steigende Lebensmittelpreise: In den USA bezogen im August 2009 36,5 Millionen Menschen Lebensmittelmarken. Deren Lebensmittelkosten trägt der noch arbeitende Teil der Bevölkerung über Steuern. Die Steuereinnahmen sinken allerdings durchgängig da die Arbeitslosigkeit weiterhin zunimmt. Zudem kämpfen viele Haushalte darum, sich zu entschulden nachdem sie drei Jahrzehnte lang im statistischen Mittel einen historischen Schuldenberg aufgetümt haben. Kräftig steigende Lebensmittelpreise würden die Solvenz solcher Haushalte erheblich beeinträchtigen.
Das Trilemma besteht hierbei darin, sich entweder von realistischen Marktpreisen für Landwirte, akzeptablen Lebenshaltungskosten für die Bevölkerung oder einer niedrigen Besteuerung zu verabschieden. Es besteht der Zwang, eine Variante zu wählen, wobei jede die Situation verschlimmert.
Höhere Zinsen: Aber nein, das ist nicht weit hergeholt. Lebensmittel sind durchaus Bestandteil jenes Warenkorbes, anhand dessen die so genanne Inflation (in Wahrheit: Teuerungsrate) ermittelt wird. Allerdings sind in dem Warenkorb auch so praktische Dinge wie Mietwagen, Instandhaltung von Fahrzeugen, IT-Geräte und Geräte für Audiovision. Im Juli 2009 beispielsweise führte besonders der Preisverfall bei Flachbildschirmen und Notebooks sowie Milchprodukten (dank der Initiative einiger Supermaktketten) dazu dass für die EU eine "jährliche Inflationsrate" (natürlich ist Teuerungsrate gemeint) von -0,1% ausgewisen wurde. Gleichzeitig stiegen die Mieten presiwerter Wohnungen in Berlin kräftig. Schön dass sich Haushalte mit dem Trend zum Drittfernseher über die Nachricht der Statistiker freuen können. Die Bezieher von Sozialleistungen wohl weniger.
Nun haben marktführende Chiphersteller schon angekündigt dass sie ihre Produktion so weit heruntergefahren haben dass Knappheit droht. Den Trick kennen wir zwar noch aus den 90er-Jahren, als gelegentlich kurz vor dem Weihnachtsgeschäft die Nachricht eines Produktionsausfalls in einem Halbleiterwerk die ruinös niedrigen Preise für Computerchips in die Höhe treiben sollte... und trieb. Aber nehmen wir die Botschaft doch ruhig ernst. Glauben Sie, dass die Preise für Flachbildschirme und Notebooks nachhaltig weiter fallen können? Wohl kaum.
Nehmen wir also an die Preise und Rabatte für Technikartikel hätten ihren Boden erreicht. Dann würde jeder Anstieg von Lebensmittelpreisen... was bewirken? Richtig. Einen Anstieg der ausgewiesenen "Inflationsrate" (Teuerungsrate).
Denken Sie nun an die Zentralbanken. Die müssen dafür sorgen dass das Geld wieder knapper wird wenn die "Inflation" einsetzt. Somit müssen sie die Zinssätze anheben.
Nein, Sie müssen das nicht unmittelbar logisch finden. Denn an sich wird sich zu dem Zeitpunkt im Geldsystem gar nichts geändert haben. Die Banken werden dann nämlich immer noch keine Kredite vergeben. Und also findet geldtechnisch zu dem Zeitpunkt immer noch eine Deflation statt, so dass sich die Gesamtmenge des Geldes im System verringert. Aber die Preise werden trotzdem nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage steigen, weil für lebenswichtige Güter mehr bezahlt werden muss. Und die Zentralbanken glauben per Definition, dass sie den Markt mit ihrer Geldpolitik beeinflussen können.
Das können sie auch. Nur dass es "den" Markt nicht gibt. Die Nachfrage nach Lebensmitteln folgt ewas anderen Gesetzen als die Nachfrage nach Flachbildschirmen. Und trotzdem haben wir für all dies nur eine einzige Geldmenge.
Also: Steigende Zinsen bei sinkender Geldmenge und knappen lebensnotwendigen Gütern.
Dann müssen die Banken ihr Spielgeld von den Mäkten abziehen und die Aktienpreise werden sinken, und mit ihnen die Pensionsvermögen. Die Kosten für die Refinanzierung langfristiger Vorhaben mit kurzfristigen Kediten (einnern Sie sich an den Grund des Scheiterns der Hypo Real Estate?) steigen dann unvorhersehbar und einige riskante Unternehmungen finden sich in der Insolvenz wieder. Überschuldete Verbraucher versuchen ihr Aktiendepot in dringend benötigtes Bargeld umzuwandeln und nehmen dabei Verluste in Kauf. Eine brisante Mischung.
Nein, die Zentralbanken können bei anziehender "Inflation" nicht weitermachen wie bisher. Dann verlören sie ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die Währung würde unterminiert. Und dann droht... eine Inflationsspirale.
Zum Glück gibt es eine andere Lösung: Der Staat kann einen regulierten Markt für Lebensmittel erschaffen und somit die Teuerung bei Lebensmitteln verhindern (und zwangsweise deflationäre Wellen durch die restliche Wirtschaft schicken). Die EU tut das seit Jahrzehnten mit ihren Agrarsubventionen, kennt sich also schon damit aus. Nur werden die Maßnahmen drastisch ausgeweitet werden müssen um die Preise unter Kontrolle zu halten, und in diesem Subventions-Biotop werden sich die üblichen Betrügereien abspielen, nur in größerem Stil... und auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich. Insofern scheint es nur konsequent, dass die EU ab 2012 direkt Steuern erheben möchte.
Die große Umverteilung schreitet voran. Und der Auslöser? Das Wetter in den USA?
Immerhin. Es ist keine Bank pleite gegangen. Auch nicht die USA. Nur Dubai.
Gute Nacht. Und denken Sie gut.
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