Die wirklich interessanten Nachrichten dieser Tage kommen im unauffälligen Gewand daher.
(Alle Fakten in diesem Artikel sind belegbar und alle Meinungen meine eigenen. Aus Zeitgründen überlasse ich die Recherche von Belegen der geneigten Leserschaft. Teilen Sie Ihr Wissen, veröffentlichen Sie Links zu interessanten Artikeln als Kommentare!)
US-Zentralbank Federal Reserve
US-Präsident Obama wird den derzeitigen Vorsitzenden der US-Zentralbank Federal Reserve, Ben Shalom Bernanke, für eine weitere Amtszeit nominieren. Damit ist wohl ausgeschlossen dass bei der Federal Reserve aufgeräumt werden soll (hierfür wäre Larry Summers der richtige Kandidat gewesen); vielmehr wird alles weitergehen wie bisher.
Wie ein Strohfeuer verbreitete sich die Nachricht, die Initiative zur Buchprüfung und eventuellen späteren Abschaffung der Federal Reserve werde erfolgreich sein. Allerdings basierten diese Meldungen auf einem verkürzten Ausschnitt eines Interviews. Das Thema bleibt spannend, aber ich erwarte nicht dass die Initiative erfolgreich ist.
Andererseits wurde der Federal Reserve in einem Verfahren um die Offenlegung von Informationen zu gigantischen Kreditvolumina eine letzte Frist bis Ende September eingeräumt um Widerspruch einzulegen.
G20-Treffen Ende September
China wird dem Internationalen Währungsfonds einen größeren Kredit gewähren; in diesem Zusammenhang heißt es, diese Investition biete China eine Gelegenheit für eine sichere Investition. Zudem wird berichtet, der IWF solle intensiver zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise eingesetzt werden. Der IWF ist dafür bekannt dass er die Kreitvergabe an Bedingungen knüpft; gern wird von Regierungen entweder gefordert Tafelsilber an private Investoren zu verkaufen, Steuern zu erhöhen oder Mindestpresie für bestimmte Waren festzusetzen.
Die BRIC-Staaten haben anscheinend im Vorfeld des G20-Gipfels ein gemeinsames Papier zur Umstrukturierung des IWF eingereicht, um ihren wachsenden Einfluss zu sichern.
Gordon Brown hat vor dem G20-Gipfel vor Optimismus gewarnt. Der Mann scheint verstanden zu haben, welche Richtung die bitische Wirtschaft eingeschlagen hat.
Finanzsystem
Die Kette der Banken-Insolvenzen in den USA reißt nicht ab. Zugleich wächst die Liste der Banken, die vom US-Einlagensicherungsfonds FDIC als gefährdet eingestuft werden, ständig.
Der FDIC geht außerdem langsam das Geld aus.
Jeder sechste Kredit für Bauvorhaben in den USA kann bereits nicht mehr vereinbarungsgemäß bdient werden.
Die USA fordern eine Verschärfung der Reserveanforderungen für Banken und stoßen hiermit im G20-Kreis angeblich auf Gegenliebe. Offen gesagt: Ich musste lachen. Die USA hatten vor Jahrzehnten die Verschärfung der Basel-I-Regelungen gefordert, woraus Basel II entwickelt wurde... nur um die Einführung von Basel II in den USA bis heute auszusetzen und noch 2008 zu behaupten, die US-Finanzinstitute seien dergestalt, dass Basel II ohnehin für sie unpassend sei, so dass man an einem eigenen Basel IA arbeite. So hält sich die internationale Bankenwelt an Basel II... außer in den USA. Ich denke, eines ist sicher: Zu einer Umsetzung neuer, schärferer Regelungen in den USA wird es nicht kommen. Oder wenn es dazu kommt dann auf eine Art dass große US-Institutionen kleinere, welche die Auflagen nicht erfüllen, übernehmen können.
US-Wirtschaft
Die gefeierten Wirtschaftsdaten aus den USA sind irreführend und bedeutungslos. Jegliche Lektüre der Originalberichte jenseits der Überschiften fördert Erschreckendes zu Tage. So gibt es für eine Erholung am Häusermarkt keine wirklich statistisch belastbaren Daten, wie die Behörde selbst schreibt.
Auch die Informationen vom Arbeitsmarkt spiegeln die reale Situation nicht wider. Zwei Drittel aller US-Firmen entlassen weiterhin Mitarbeiter. Die Anzahl der Arbeitsplätze im US-Industrisektor befindet sich auf dem tiefsten Stand seit April 1941. Ein US-Analyst schrieb: "Ich würde Ihnen ja empfehlen, [zur Stützung der US-Wirtschaft] US-Produkte zu kaufen... wenn in den USA überhaupt noch etwas produziert würde."
Der zuletzt gemeldete (und gefeierte) Verlust von "lediglich" 392.000 Arbeitsplätzen basiert auf einer Verrechnung mit dem Beginn freiberuflicher Tätigkeiten (von denen unklar ist ob sie erfolgreich sein werden); in Wahrheit gingen 637.000 Arbeitsplätze verloren... laut der statistischen Umfrage unter Haushalten sogar über 1.000.000. (Ja, in den USA basieren die Arbeitslosenzahlen auf Umfragen... einer bei der Unternehmen befragt werden und einer bei der Haushalte befragt werden; hineingemischt in die öffentliche Wahrnehmung werden die Zahlen der Erstanträge.)
Und der Anteil der Langzeitarbeitslosen unter den US-Arbeitslosen steigt ebenfalls kontinuierlich und liegt aktuell bei einem Drittel... ein auffallend hoher Rekordwert der Nachkriegszeit.
Deflation
Die ständig steigende US-Arbeitslosnquote stellt einen erheblichen, sich weltweit auswirkenden deflationären Faktor dar; zeitgleich ist nicht mit Preissenkungen bei Artikeln des täglichen Bedarfs zu rechnen (hier mehr zum modernen Irrglauben bezüglich Inflation und Deflation).
Die Japaner haben inzwischen genug von zwei "verlorenen Jahrzehnten", innerhalb derer ihre Notenbank ohne Ende Geld gedruckt hat um die Banken zu retten, ohne dass dies zu einer Ausweitung der Kreditgeldmenge geführt hätte (unter anderem weil die Japaner ihre Sparquote immer weiter erhöht haben): Die neue Regierung will den Yen stärken. Das ist eine interessante Strategie für eine Exportnation die zugleich der zweitgrößte Gläubiger der USA ist: Exportierte Waren würden turer werden und die gehaltenen US-Staatsanleihen an Wert verlieren. Das mag langfristig zu einer Stabiliserung führen... aber zuvor führt es zu einer gravierenden deflationären Umverteilung.
Den US-Bundesstaaten geht das Geld für Sozialleistungen aus; in wirtschaftlich besseren Zeiten sahen sie keinen Anlass ihre Rücklagen hierfür aufzustocken.
Eine vergleichbare Meldung ging auch für Deutschland über die Nachrichtenticker.
Märkte
Das Währungspaar Euro/US-Dollar notiert in einer enger werdenden Handelsspanne, die mit einem gravierenden Wertverlust des (völlig überbewerteten) Euro beendet werden könnte.
Zu dieser Entwicklung würde ein Einbruch des (hoffnungslos überkauften und historisch einmalig hochpreisigen) US-Aktienmarktes passen, der zu einer Flucht in den US-Dollar führen würde; die europäischen und asiatischen Aktienmärkte würden den US-amerikansichen folgen... bevor eine 2010er mini-Frühjahrsrallye, womöglich angeführt von guten Daten aus Asien, zu einem hoffnungetriebenen, wenn auch nicht nachhaltigen, Stimmungswandel führen könnte... im Zusammenahng mit einer Fokussierung weg von der (nicht existenten) US-Wirtschaft hin zu den Entwicklungen in den BRIC-Staaten. Der unsinnige Umgang mit so genannten "Frühindikatoren" sowie die teilweise unzulänglichen und in Einzelfällen manipulativen Methoden zur Ermittlung von Wirtschaftsdaten könnten dann gut in den nächsten Jahren zu einem sich abschwächenden regelmäßigen Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung an den Märkten fühen, bevor nach mehreren Zyklen die Stimmung und das Kapital der ausgebrannten Investoren endlich einen nachhaltigen Boden gefunden haben würde.
Spätester Auslöser für ein solches hypothetisches Szenario könnten Nachrichten Anfang Oktober nach dem G20-Gipfel sein. Nach der Zusage von Angela Merkel (deren Regierungsbeteiligung nicht ganz unwahrscheinlich sein dürfte), die so genannte Mehrwertsteuer nach der Wahl nicht zu erhöhen, darf wild spekuliert werden wie das deutsche Defizit stattdessen finanziert werden soll (obwohl natürlich auch Frau Merkel schon Wahlversprechen nicht eingehalten hat).
Langfristig geht es für den US-Dollar sicher nach unten; es fragt sich nur noch im Vergleich zu was. Die neue Zusammensetzung der Sonderziehungsechte des Internationalen Währungsfonds wird den US-Dollar sicherlich nicht ignorieren. Dem US-Dollar wird wegen seiner Dominanz wahrscheinlich ein noch viel längeres Leben beschieden sein als es auf den ersten Blick scheint.
Fazit
Kollektive soziale Stimmungen bestimmen den Lauf der Dinge. Die Überschrift "US-Schulden bedrohen die ganze Welt" war vor einigen Tagen in einer werbefinanzierten Zeitung zu lesen. Auf der dominanten Nordhalbkugel des Erdenballs ist es Zeit, die Ernte einzufahren und sich auf den Winter vorzubreiten. Investoren sind nervös und sehnen sich nach Sicherheit. Die Welt ist reif für einen Erkenntnisgewinn.
Doch selbstverständlich würde auch jeder gern weiter zu Parties gehen.
Zu den Gerüchten und Gedankenspielen kann man nur festhalten, dass sich noch keines klar abzeichnet. Es ist wohl auszuschließen dass es eine harmonische Interessenslage ziwschen den wichtigsten Mitspielern gibt; insofern kann auf eine formale Ausweitung der Bedeutung des Internationalen Währungsfonds sehr wohl auch eine überraschende Entwicklung folgen (zum Beispiel im Rahmen der Frage, welche Staaten Kredite des IWF in Anspruich nehmen werden).
Bezüglich des Zustandes des Gesamtsystems der Weltwirtschaft stellt die angekündigte Investition Chinas in den IWF eher eine kleine Geste dar und die Frage, ob dies den chaotischen Neuordnungsprozess des Systems nachhaltig beeiflussen kann, erscheint spannend. Unter Umständen wird hier lediglich eine Umverteilung von Eigntum ohne nachhaltige Stabilisierung erreicht werden.
Gute Nacht, und denken Sie gut!
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2 nette Artikel:
www.economist.com/businessfinance/displayStory.cfm?story_id=14363262&source=hptextfeature
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2009/sep/07/financial-meltdown-gordon-brown-g20