Ganz hinten in meiner Mappe mit Dingen, die ich irgendwann einnmal verstehen wollte (was Selbstorganisation betrifft bin ich ein Freund des nebenstehenden "Getting Things Done"), fand sich ein Informationsblatt meiner Bank.
Es ist auf den ersten September zweitausendundsieben datiert und wundervoll zu lesen, besonders bei einer Tasse Cappuccino und einem nachdenklichen kleinen Chanson. Oder welche Vorlieben Sie auch immer haben mögen wenn Sie Ihre Gendanken oder Ihren Blick besinnlich in die Ferne schweifen lassen.
Sind Sie bereit?
Es beginnt:
Rechtmäßiges Handeln, Sorgfalt, Redlichkeit, Professionalität, die Einhaltung von Marktstandards sowie das Handeln im Kundeninteresse sind Verpflichtungen, von denen die Bank sich in der Geschäftsbeziehung mit Ihnen leiten lässt.
Oh! Welch wundervolles Bild. Übrigens... Manchmal gibt es ja auch einfach den rechten Moment etwas zu tun. Jetzt ist es wohl an der Zeit meiner Bank zu danken. Denn ja, ich bin sehr zufrieden mit ihr, und nicht zuletzt wegen ihres Filialleiters. Herr M., wenn Sie dies hier lesen: Danke! Und auch Frau J. Vielen Dank! Meine Bank ist für mich ein Stück Lebensqualität. Seit Jahren. Das meine ich ganz ernst.
Bei der Vielfalt der geschäftlichen Aktivitäten der Bank können jedoch Interessenkonflikte auftreten. Nachfolgend informieren wir Sie, welche Vorkehrungen die Bank getroffen hat, um diese Interessenkonflikte zu vermeiden.
Was ich an diesem Schreiben vor knapp zwei Jahren nicht verstanden habe?
Ich habe nicht verstanden, warum meine Bank es mir geschickt hat. Das hat ja Geld gekostet. Gerichtsurteil? Neue Verbraucherschutz-Regelung? Oder wusste meine Bank etwas, das ich noch nicht wusste?
Einerlei. Wenn ich heute auf diesen Bogen Papier schaue freue ich mich dass er seinen Platz bei all dem Unverstandenen gefunden hat. Ich stelle mir vor, wie ich ihn in Begleitung von Frau J. und Herrn M. vom neuen US-amerikanischen Botschafter in Berlin, der früher für Goldman Sachs gearbeitet hat, übersetzen lasse. Dann lassen wir eine kommentierte Version der Übersetzung als Flier in Millionenauflage drucken und organisieren einen Trauerzug: Wir warten ein bisschen bis der US-Dollar abgewertet wird, chartern günstig ein US-amerikanisches Flugzeug und überqueren den Atlantik. Die eine Hälfte von uns springt über Washington mit Fallschirmen ab, die andere über der Wall Street. Wir lassen es Flugblätter regnen. Transparente haben wir auch. "Warum kauft eure Notenbank eigentlich nicht auch eure toxischen Wertpapiere in unserem Bankensystem und tauscht sie gegen Liquidität?"
Da, dort vorn, ist das nicht Ben Bernanke? Herr Bernanke! Moment! Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Eine einzige? Schlafen Sie eigentlich gut? Ich frage das weil immer mehr Bankberater es nicht aushalten, ihren Kunden Produkte verkaufen zu müssen an die sie selbst nicht glauben. Wenn Sie Herrn Geithner treffen, fragen Sie ihn das bitte auch? Danke. Oh, und ich habe Ihnen etwas mitgebracht. Eine echte Rarität: Ein toxisches Wertpapier aus Deutschland. Ein Derivat. Eine Wette auf sinkende Arbeitslosenzahlen. Läuft Herbst 2010 ab. Ich habe Ihnen ein AAA-Rating dafür besorgt. Sie können es unbesorgt in Ihre Bilanz aufnehmen. Oder außerhalb. Macht keinen Unterschied. Das wäre schön. Danke. Sorgen Sie sich nicht wegen der zwölf Nullen im Nennbetrag. Soviel ist das Ding eh nicht wert.
Bitte? Aber Herr Bernanke. Was denken Sie denn von mir. Natürlich gibt es auch die Gegenwette in selber Höhe. Wer die hält? Ich bitte Sie. Wir wollen uns doch nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten. Hat mich gefreut Sie kennenzulernen!
Noch in Ruhe den letzten Schluck Cappuccino nehmen. Vielleicht wird der Tag doch noch ein Tag, den ich mag.
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