Der Artikel "Privatanleger verpassen den Aktien-Aufschwung" auf Spiegel Online gemahnt schon aufgrund seiner Überschrift zur Vorsicht. In Zeiten schwacher Rendite als Privatanleger etwas zu verpassen erzeugt einen starken Impuls, diesen Artikel zu lesen... und mit dabei zu sein.
Anhand der gewählten Kommentare dreier Fondsmanager erzeugt der Artikel zunächst eine positive Grundstimmung, geht dann in eine differenziertere Betrachtung und suggeriert schlussendlich, es sei möglich, in den nächsten Monaten an den Aktienmärkten Gewinne zu erzielen wenn man jetzt in defensivere Titel einsteige, die noch keine Kursgewinne verzeichnet haben... oder schnell in Fonds einsteigt.
Schauen wir uns einige der Passagen zu Studienzwecken näher an.
Sonntag, 26. Juli 2009
Privatanleger sollen zurück an die Börsen
"Unter vielen Profis ist die Zuversicht verbreitet, dass die Wirtschaft eben doch einen schnellen Aufschwung hinkriegen wird", sagt Raimund Saxinger, Fondsmanager bei Frankfurt Trust, der Fondsgesellschaft der BHF-Bank. Und Carmen Weber, bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS für internationale Aktien zuständig, ergänzt: "Die guten Ergebnisse sind vor allem ein Hinweis, dass die vielen Hilfsmaßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik Wirkung zeigen. Dies wurde von den Marktteilnehmern mit viel Optimismus aufgenommen."
Beide Kommentare entstammen dem Fonds-Umfeld. Herr Saxinger und Frau Weber müssen mit Aktien Rendite erwirtschaften; fallende Aktienkurse verderben das Geschäft. Eine neutrale Analyse ist nicht unbedingt zu erwarten.
Die Verwendung des Begriffs "Wirtschaftsaufschwung" in diesem Zusammenhang ist nicht zielführend. Unternehmensgewinne korrelieren nicht notwendig mit einem Wirtschaftsaufschwung. Viele Unternehmen entlassen in großem Umfang Mitarbeiter und sparen hierdurch Kosten; in den USA dauert dieser Trend schon mehrere Monate an.
Von Frau Weber würde ich gern mehr darüber erfahren, was die Geld- und Fiskalpolitik mit den Quartalsergebnissen der Unternehmen zu tun haben:
Die Geldpolitik hat versucht, die Effekte von Kreditausfällen und unverkäuflichen Wertpapieren so gut es geht zu kompensieren, aber das Platzen der US-Immobilienblase findet als Prozess weiterhin statt und kann nicht durch Geld beeinflusst werden... das Platzen einer Blase findet statt weil die Mehrheit der Menschen sie plötzlich als Blase ansehen. Dies hat auch die US-Regierung eingesehen: Nachdem die Aufrufe vom Anfang des Jahres, unbekümmert weiter Geld auszugeben, nicht fruchten und die Sparquote in den USA rapide steigt, wollen die USA ihre Wirtschaft durch mehr Export ankurbeln.
Die Fiskalpolitik andererseits arbeitet mit Stimulusprogrammen. In den USA verwenden die meisten Bundesstaaten die Mittel aus dem Stimulus-Programm allerdings, um kurzzeitige Probleme zu beheben... etwa die Entlassung von Lehrern zu vermeiden, Haushaltsdefizite zu verbessern und medizinische Hilfen für Bedürftige zu bewilligen. Der Sinn von Stimulus-Programmen ist es, in die Zukunft zu investieren, nicht kurzfristig ein Loch zu stopfen das durch langfristige Probleme entstanden ist.
Bitte erläutern Sie das genauer, Frau Weber: Wohin genau sind diese Mittel geflossen, so dass Unternehmen davon so stark profitieren konnten? Und was geschieht im nächsten Quartal, wenn die Lehrer nicht mehr aus dem Stimulusprogramm finanziert werden können?
Direkt im Anschluss an diesen Absatz gönnt uns Spiegel Online eine Zwischenüberschrift:
Deutsche Privatanleger gehen leer aus
Es folgt ein euphorischer Abschnitt über die Kursentwicklung einger internationaler Aktienmärkte und danach ein bemerkenswerter rhetorischer Kniff:
Einzig die Privatanleger in der Bundesrepublik scheinen an dem Aufschwung nicht zu verdienen: Ihr Anteil unter denjenigen, die auf Sicht eines Monats von steigenden Kursen ausgehen, ist in der jüngsten Umfragen des Analysehauses Sentix auf 14 Prozent abgerutscht. Schon in den Vormonaten gingen sie Aktieninvestments deutlich zögerlicher ein als professionelle Investoren.
Wohlgemerkt, dem ging kein Wort voran darüber, wie hoch Privatinvestoren in anderen Ländern an den Kursrallyes beteiligt waren. Im Zusammenhang mit der reißerischen Überschrift und der nicht mit Nachweisen hinterlegten Formulierung "Einzig die Privatanleger in der Bundesrepublik" (Hervorhebung durch mich) entsteht der Eindruck, die ganze Welt profitiere von Gewinnen... nur der bundesrepublikanische Privatanleger (man selbst eingeschlossen) nicht.
Auch die unscheinbare Formulierung des letzten Satzes hier verdient in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit, denn es ist bekannt dass sich viele professionelle Investoren momentan zurückhalten; dies steht sogar weiter unten im selben Artikel: "[E]s steht noch viel Geld an der Seitenlinie".
Ab diesem Punkt bedient der Artikel nicht ungeschickt die Interessen zweier Zielgruppen. Die Fondsmanager äußern sich dahingehend dass sie ihre zyklischen Papiere teilweise schon wieder abstoßen werden oder zumindest als ausgereizt ansehen, lassen aber durchblicken dass sie defensiven Titel in den nächsten Wochen und Monaten Potenzial zutrauen. Was läge also näher als entweder selbst defensive Titel zu kaufen oder den weitsichtigen Fondsmanagern zu vertrauen?
Sicher, "es steht noch viel Geld an der Seitenlinie, das momentan keine Zinsen abwirft und bei steigenden Kursen in den Markt gezogen wird", sagt DWS-Managerin Weber. "Doch nachdem zyklische Aktien im Schnitt rund 35 Prozent zulegen konnten, sehen wir in den kommenden Monaten Nachholbedarf für defensivere Aktien und nehmen zum Teil Gewinne in den Top-Performern mit." Darüber hinaus "rechnen wir zumindest in den kommenden sechs Monaten eher mit einer Seitwärtsbewegung an den Börsen nach dem zuletzt fast stürmischen Aufschwung", sagt Frankfurt-Trust-Manager Saxinger.
Behalten die beiden recht, dürfte bald auch die eindrucksvolle Gewinnserie des deutschen Vorzeigeindex Dax zu Ende gehen. Und mit ihr der erste neue Zykliker-Zyklus.
Eine Seitwärtsbewegung der Indizes... wobei die zyklischen Titel fallen und die defensiven steigen.
Zum Hörer greifen oder recherchieren?
Sie können sofort Ihre DWS-Anteile aufstocken um nichts zu verpassen. Oder Sie informieren sich.
Im Juni 2006 wechselte Carmen Weber vom Bankhaus Metzler zur DWS in das Team von Klaus Kaldemorgen.
Der Mann hat Realitätssinn. Ausgewählte Zitate eines Interviews des manager magazin mit Klaus Kaldemorgen vom März 2009 (Hervorhebungen durch mich):
Staatspleiten sind spätestens seit Island keine rein akademische Vorstellung mehr, sondern ganz real. [...]
Noch vor einem halben Jahr lag das Kreditvolumen der US-Notenbank Fed bei 6 oder 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, inzwischen macht es bereits 15 Prozent aus. Man schätzt sogar, dass diese Quote noch auf 25 Prozent steigen wird. Das beängstigt mich. Denn die Geldschwemme könnte irgendwann zu starken inflationären Tendenzen führen. Die Zentralbanken betreten damit völliges Neuland. Einen konkreten Plan, wie man die Geldmenge wieder reduzieren will, habe ich noch nicht gesehen. Das ist, als würde man einen Flaschengeist rauslassen und ihn um die Erfüllung dreier Wünsche bitten: neue Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum, steigende Börsenkurse. Und hinterher sagt man dem Geist, er soll wieder zurück in die Flasche. [...]
Die Zeiten des Buy-and-Hold sind spätestens seit dem Platzen der Technologieblase vorbei. Man muss sich stattdessen immer den Marktgegebenheiten anpassen und immer wieder neu überdenken, ob die aktuelle Anlagestrategie so noch gültig ist. [...]
Die Aktienrendite der vergangenen Jahre ist negativ. [...]
Gehen Sie auf die DWS-Website, klicken Sie auf den Reiter "Unsere Fonds" und wählen Sie links die Wertentwicklung "1 Jahr"... dann sehen Sie direkt darunter, dass sich die Wertentwicklung der DWS-Fonds von Ende Juli 2008 bis Ende Juli 2009 im Bereich zwischen -71% und +26% bewegt hat (Abfrage 26. Juli 2009).
Ein Verlust von 71%? Offenbar ist "buy and hold" aus Sicht der Anleger nicht einmal für Fondsanteile eine gute Strategie. Oder nur in guten Zeiten? Stehen uns die denn bevor?
Bleiben Sie dran.
Unsere Mission | Impressum | Rechtshinweise | Regeln


Kommentare