[Anmerkung: Überarbeitung fast abgeschlossen; es fehlen Links zum Defizit der Fed und zur Kritik am IWF]
An Kritik am US-Dollar mangelte es in den letzten Monaten nicht. Und obwohl die Mischung auch weniger fundierte Argumente und Meinungen enthielt, so wurde die Welt durch diese Diskussion an zwei unumstößliche Fakten erinnert:
I) Änderung der Gegebenheiten für die Nutzung des US-Dollar als Reservewährung
Das Welt-Finanzsystem startete nach dem zweiten Weltkrieg mit dem US-Dollar als Leitwährung (Bretton-Woods-System) mit drei zentralen Argumenten: Der US-Dollar war im Außenhandel durch Gold gedeckt. Die USA stellten mit Abstand die größte funktionierende Volkswirtschaft dar. Die USA waren aufgrund ihres unbeschadeten Reichtums der weltgrößte Kreditgeber.
Nichts davon ist unangetastet geblieben. Die Golddeckung des US-Dollar beendete US-Präsident Richard Nixon 1971 (siehe auch nebenstehendes Video seiner Fernsehansprache mit aufschlussreichen Begründungen). Laut Weltbank lag das Bruttoinlandsprodukt des Eurosystems mit dem Euro als Gemeinschaftswährung lag 2008 etwa gleichauf mit dem Bruttoinlandsprodukt der USA. Und die USA haben sich vom größten Kreditgeber zum größten Kreditnehmer entwickelt.
II) Interessenskonflikt zwischen US-Dollar als nationaler Währung und Leitwährung
Die Idee der Zentralbanken basiert darauf, eine der wirtschaftlichen Situation entsprechende Geldpolitik zu betreiben. Für den US-Dollar erwächst hieraus Konfliktpotenzial, da er nicht nur nationale Interessen der USA erfüllen muss sondern zugleich diejenigen einer Währung, in der weltweit die Preise wichtiger Rohstoffe festgelegt werden und die zudem die Währungsreserven anderer Zentralbanken dominiert.
Daher machte sich der zurzeit gern zitierte John Maynard Keynes bereits während der Verhandlungen in Bretton Woods 1944 für einen mit Gold hinterlegten Währungskorb, den Bancor, als Weltreservewährung stark (deutsche Übersetzung von Keynes' 1943 veröffentlichtem Plan), konnte sich aber nicht durchsetzten. Später thematisierte der Ökonom Robert Triffin 1959 das Dilemma einer nationalen Währung in der Rolle als Leitwährung. Mit seinem 1960 dem US-Kongress vorgestellten Triffin-Dilemma brachte er das heutige Problem des US-Dollar vor 40 Jahren auf den Punkt.
Inzwischen ist auch die Rolle der US-Zentralbank Federal Reserve umstritten. Anders als beispielsweise die Deutsche Bundesbank, die ihre erwirtschafteten Gewinne an das Bundesfinanzministerium zurückzahlt, zahlt die Federal Reserve namentlich nicht bekannten privaten Aktionären eine durch den Federal Reserve Act festgelegte Dividende von 6% des Nennwertes der Aktien. Zudem ist die Federal Reserve nur eingeschränkt auskunftspflichtig. Hierdurch wird nicht unbedingt internationales Vertrauen gestärkt.
Konstruktive Transformation nötig und möglich
Die Kritik am Weltfinanzsystem der Nachkriegszeit mit der Dominanz des US-Dollar ist also durchaus fundiert. Ein nachhaltiges Misstrauen dem US-Dollar gegenüber birgt jedoch einige Brisanz für den größten Teil der Welt. Die Obama-Administration gebärdet sich sowohl proaktiv als auch konstruktiv. Warum sollte sie keinen Vorschlag unterbreiten, der allen Seiten dienlich ist und Gesichtsverlust vermeidet?
Betrachten wir einen möglichen Weg.
Freitag, 17. Juli 2009
Gedankenspiel: Neue Welt-Reservewährung als Währungskorb mit (Papier-) Gold ab September 2009?
Fakten, Hergang und Stimmung
China hat Angst um den Wert seiner US-Anleihen. Japan vermutlich auch, aber zwischen Japan und den USA bestehen anscheinend diplomatische Beziehungen die dazu führen dass Japan dies nicht thematisiert. Weitere Nationen wie Russland, Öl-exportierende Staaten sowie EU-Staaten sind ebenfalls Gläubiger der USA, jedoch in geringerem Umfang.
China versucht den US-Dollar durch Tauschabkommen und auf Yuan lautende Handelsabkommen zu umgehen. Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) haben sich kürzlich zu Absprachen im russischen Jekaterinburg getroffen; der russische Präsident Medwedew zeigte Journalisten nach dem G8-Treffen im italienischen L'Aquila eine Münze, die er als Symbol für eine neue Weltwährung propagierte.
Die Kritik am US-Dollar aus China fiel unterschieldich aus. Einmal wurde eine Anpassung der IWF-Sonderziehungsrechte gefordert, bei anderer Gelegenheit wurde erwähnt dass sie nicht besonders gut funktionierten. Die meisten Medien sahen in diesen Äußerungen Widersprüche; ich bleibe allerdings bei meinem Standpunkt dass viele Ohren in der westlichen Welt nicht besonders gut in Bezug auf asiatische Rhetorik geschult sind (und empfehle für einen Anfang nebenstehendes Buch). Der US-Finanzminsiter Timothy Geithner wurde bei einer Rede vor chinesischen Studenten ausgelacht, als er US-Dollar-Wertanlagen als sicher bezeichnete.
In den letzten Wochen fiel besonders Russland mit deutlichen Stellungnahmen zur Ersetzung des US-Dollar als Leitwährung auf. Unter anderem wurde der Abbau der US-Dollar-Währungsreserven der russichen Zentralbank so dargestellt als sei dieser strategisch motiviert obwohl es Grund zur Annahme gibt dass notwendige Verkäufe zur Stützung des Rubel der wesentliche Hintergrund waren. Doch mag der Anlass auch Sachzwängen geschuldet sein: Der Tonfall ist es nicht.
Im Gegenzug meinten die Medien, die Europäische Zentralbank EZB sehe die Rolle des US-Dollar als unangefochten. Erst unterhalb der Überschriften stellt sich heraus dass dies das Ergebnis einer rückblickenden Analyse ist, deren Betrachtungszeitraum sich allein auf das Kalenderjahr 2008 erstreckt. Auch der Internationale Währungsfond stellt sich offiziell hinter den US-Dollar. Aber all dies dürfen wir getrost als Säbelrasseln ansehen: Weder die EZB noch der IWF bestimmen, welches die weltweite Leitwährung ist. Russland und China allerdings auch nicht.
Im Rahmen der Beschlüsse des G20-Gipfels in London wurde der Internationale Währungsfond (IWF) ermächtigt, Sonderziehungsrechte (SZR) im Wert von 250 Milliarden US-Dollar vor dem Hintergrund der Erhöhung der Einlagen der Staaten in den IWF eigenmächtig als Kreditgeld zu erschaffen. Dies ist das mehr als das Zehnfache des bisherigen Volumens.
Die US-Zentralbank Federal Reserve hat erstmals auszugsweise Einblick in ihre Bilanz gewährt, die einen Verlust ausweist, und zwar wegen der von den Geschäftsbanken neuerdings als Sicherheiten hinterlegbaren illiquiden ("toxischen") Wertpapiere. Wir erinnern uns: Die von der Federal Reserve an ihre privaten Anteilseigner zu zahlende Dividende ist gesetzlich festgelegt und nicht vom operativen Ergebnis abhängig.
Die Zentralbanken einiger Staaten, allen voran China und Russland, sind dabei den Anteil von Gold an ihren Reserven zu erhöhen.
Strategische Situation
Wer die strategischen Schritte der Obama-Administration nüchtern betrachtet kann nur zu der Auffassung gelangen dass sie im Rahmen ihres Handlungsspielraums wichtige Ziele proaktiv verfolgt und hierbei ausgesprochen klug vorgeht. Wenn US-Präsident Obama beispielsweise in Ghana sagt, dass Gahanas Wohlstand zum Wohlstand der USA beitrage und die USA Ghana beim Überspringen schmutziger Energieerzeugung ebenso helfen werden wie beim Aufbau von Public Private Partnerships zur Erneuerung der Infrastruktur so sendet eine solche Rede mehrere Signale. Jenseits der beschworenen ethnischen und finanziellen Verbundenheit hat sich an den Details ja nichts geändert: Die USA geben, geben vor und profitieren. Mich würde es jedenfalls wundern wenn in Ghana Toll Collect die neuen Straßen betreiben und Nordex die Windkraftanlagen liefern würde.
Zugleich sind solche Auftritte medienwirksamer als unauffällige chinesische Absprachen zur Umgehung des US-Dollar. Dass US-Präsident Obama ein Medienliebling ist erschließt sich allein schon daraus dass die Schlagzeilen alle Regierungsaktivitäten ihm zuordnen: "So will Obama das Finanzsystem krisenfest machen", "so will Obama die 'Schande' Guantánamo beenden", "so will Obama die Banken kontrollieren". Die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf Barack Obama und seine exzellenten Reden lenkt von Details und strateischen Aspekten im Hintergrund ab.
Nehmen wir also an dass diese spezielle, kooperative, gut inszenierbare Mischung aus Angeboten und Forderungen, sicherlich verknüpft mit ein paar nicht öffentlich artikulierten Punkten beiderseits, die Grundhaltung der US-Administration ist.
Nehmen wir weiterhin an dass keine Seite ein ernsthaftes Interesse an einer Eskalation der Verwerfungen des Weltfinanzsystems hat.
Die Gegner des US-Dollar fordern eine Abschaffung des US-Dollar als Reservewährung und eine Berücksichtigung von Gold oder auch anderen Rohstoffen.
Den Hütern des US-Dollar käme dies unter Umständen sogar gelegen, da sie guten Grund haben am US-Dollar eine kleine Veränderung vozunehmen. Sie müssen nur sicherstellen dass trotz Abschaffung des US-Dollar als Leitwährung ihr Einfluss gesichert bleibt.
Da bietet sich eine Maßnahme an, die nicht perfekt ist, aber als Schritt in eine Richtung gesehen werden kann um die Interessen aller Seiten zu wahren.
(Formale) Anreicherung der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds um Gold
Die Anreicherung des SZR-Währungskorbes des IWF um (Papier-) Gold, gebündelt mit Maßnahmen zum Ausgleich der Interessen der bedeutenden Akteure, birgt ein hohes Potenzial bezüglich der Inszenierung ebenso wie der Befriedigung der Interessenslage.
I) Dem Wunsch der BRIC-Staaten nach einer im weiteren Sinne goldgedeckten Weltwährung würde entsprochen.
II) Das Bilanzdefizit der US-Zentralbank Federal Reserve, das diese durch ihre Strategie bewusst in Kauf genommen hat, verlangt nach einem neuen übergeordneten Lender of Last Resort (denn wenn die Zentralbank Staatsanleihen vom Finanzministerium kauft und das Finanzministerium dann die strauchelnde Zentralbank stützt ist die Geldpolitik nicht mehr glubwürdig; somit braucht es eine "übergeordnete" Einrichtung zur Stützung der Fed). Die Fed könnte Teile ihres Goldes dem IWF zur Verfügung stellen und sich im Gegenzug ein bisschen von ihrem eigenen Gold und den Korbwährungen zurückleihen.
III) Der IWF könnte US-Anleihen aus den Reserven der Zentralbanken als Wertpapiere akzeptieren und den Staaten, die diese einreichen, im Gegenzug Bezugs- und/oder Stimmrechte über die Vergabe einer entsprechenden Menge der mit Gold angereicherten Sonderziehungsrechte einräumen. So würde es beispielsweise China ermöglicht, seine enormen Bestände an US-Anleihen auf einen Streich zu diversifizieren.
IV) Die Kritiker des US-Dollar wären wohl nicht zufrieden damit dass der IWF seinen Sitz in Washington hat. Aber können sie sich diese Kritik leisten? Vielleicht bietet man ihnen ein mittelfristige Verlegung in die Schweiz an. Vielleicht fragt man sie auch einfach wie sie den Medien gegenüber begründen wollen dass sie an der Umsetzung eines Vorschlags, den sie selbst gemacht haben, nicht teilnehmen. Und schlussendlich könnte eine Zustimmung eine einmalige Chance sein, die eigenen Reserven weitgehend zu retten, wenn die USA tatsächlich kurz darauf den US-Dollar abwerten wollen -- und dafür spricht einiges. (Besonders charmant ist, dass die Anreicherung der SZRe um Gold völlig unabhängig von der Abwertung des US-Dollar durchgeführt werden kann. Sollten die US-Dollar-Kritiker nicht auf den SZR-Zug aufspringen lässt sich hinterher darstellen dass sie für die Wertevernichtung in ihren Portfolios selbst verantwortlich sind.)
V) Das in den Sonderziehungsrechten herumgereichte Gold diente ja nur der Stabilisierung; ein echter Bezug würde im Normalfall nicht angestrebt werden. Dies würde die Transparenz auf dem Goldmarkt weiter verringern und in die Hände von noch weniger Menschen legen als bisher. Die wundersame Mehrfachnutzung der selben physischen Menge Goldes, für die es bereits heute Anzeichen gibt, könnte weiterhin florieren, und so wären sowohl Besitzer physischen Goldes als auch Spezialisten für seine Mehrfachnutzung zufrieden. Sollten Privatpersonen jemals auf SZR lautende Konten eröffnen können wäre der Bezug von Gold schon aus Gründen der Logistik selbstverständlich nicht möglich.
VI) Ale Staaten behielten formal ihre Souveränität, da der IWF anders als eine Zentralbank nur so viele SZRe aus seinen Einlagen erschaffen darf wie es die geldgebenden Staaten ihm gestatten; zudem wäre eine Reform der Mitbestimmungsmöglichkeiten im IWF ohnehin angebracht. Substanzielle Interessenskonflikte zwischen den beteiligten Nationen würden in einer bürokratisch ausgerichteten Organisation ausgetragen werden müssen, in der Veto-Rechte, Verfahrensregelungen, Einfluss auf die Agendagestaltung und Einflussnahmen auf Delegierte zur Interesenswahrung eingestzt werden können.
VII) Es ließe sich als konsequent darstellen wenn der IWF an Staaten, die auch Einlagen geleistet haben, Kredite zu weniger restriktiven Konditionen vergäbe als an Staaten, die keine Einlagen geleistet haben. Der IWF wird häufig dafür kritisiert, armen Ländern mit seiner Kreditvergabe-Praxis eher zu schaden; selbst Nobelpreisträger Paul Krugman meint dass die Rolle des IWF in der Asienkrise kontrproduktiv gewesen sei.
VIII) In den Medien ließe sich der Schritt als historische Einigung zur Stabilisierung des Finanzsystems darstellen, als Modernisierung der Leitwährung zum Wohle und zur Sicherheit aller Beteiligten sowie als konsequenter Schritt zur Loslösung der Globalisierung vom Schicksal einer nationalen Währung.
Überzogen?
Die Tatsache dass die G20-Konferenz Ende September 2009 bereits eine eigene Website hat ist nicht gerade ein Indiz dafür, dass die Akteure damit rechnen zu einem bescheidenen Ergebnis zu gelangen:
Zudem wäre dieser Schritt zeitlich und konzeptionell eine Gelegenheit für die USA zu verhindern dass die ausländischen Inhaber von US-Anleihen durch die unmittelbar danach stattfindende Abwertung ds US-Dollar und Einführung des Amero völlig vor den Kopf gestoßen werden.
Unwägbarkeiten & Varianten
Selbst die bestmögliche Umsetzung solcher Pläne wird zu einigen Turbulenzen führen, die mit tatkräftiger Unterstützung bekannter Finanzzentren allerdings beherrschbar sein sollten (schwieriger wird es für den Fall dass keine Einigung erzielt werden kann). Im Namen der Stabiliserung des globalisierten Finanzsystems sehen sich die Märkte daher Unwägbarkeiten ausgesetzt.
So könnten die Wechselkurse der Korbwährungen zueinander, einschließlich Gold, zumindest für eine Übergangszeit fixiert werden. Dies könnte eine separate Abwertung des US-Dollar überflüssig machen; die Einführung des Amero könnte dann noch verschoben werden. (Besonders China würde sich gegen eine Abwertung des US-Dollar sträuben, könnte jedoch eventuell durch die werterhaltende Ausstiegsmöglichkeit aus seinen US-Anleihen umgestimmt werden.)
Sollten die Verhandlungen scheitern so könnte ein internationaler Währungs-Abwertungs-Wettlauf einsetzen um die Effekte einer Abwertung des US-Dollar auf den internationalen Handel (von denen nur die USA profitieren würden) zu mindern. Dies wäre ein hochgradig inflationäres Szenario, das im Rahmen der Verhandlungen als Drohkulisse dargestellt werden kann. Ob diese Drohung Wirkung zeigt wird nicht unerheblich davon abhängen wie gut China durch bilaterale Abkommen und ein selbst initiiertes Wirtschaftswachstum die USA bereits ignorieren kann.
In diesem Fall wäre mit geostrategischen Veränderungen zu rechnen. Europa würde sich Russland und China weiter annähern; eine Annäherung an die arabische Welt findet ja bereits statt (Forschungszentren als Gegenlistung für Kapitalspritzen bei Automobilherstellern, Strom per Verbundnetz aus der Sahara).
Der zurzeit enge Schulterschluss Obamas mit Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt daher nicht von ungefähr; auch das Treffen mit dem russischen Präsidenten Medwedew passt ins Bild. Nicht ins Bild passt hingegen das Bild des Handschlags zwischen Obama und Medwedew, das um die Welt ging. Es zeigt einen Präsidenten der USA, der sich mehr bewegen muss als man es unter normalen Umständen erwartet.
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China hat Angst um den Wert seiner US-Anleihen. Japan vermutlich auch, aber zwischen Japan und den USA bestehen anscheinend diplomatische Beziehungen die dazu führen dass Japan dies nicht thematisiert. Weitere Nationen wie Russland, Öl-exportierende Staaten sowie EU-Staaten sind ebenfalls Gläubiger der USA, jedoch in geringerem Umfang.
China versucht den US-Dollar durch Tauschabkommen und auf Yuan lautende Handelsabkommen zu umgehen. Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) haben sich kürzlich zu Absprachen im russischen Jekaterinburg getroffen; der russische Präsident Medwedew zeigte Journalisten nach dem G8-Treffen im italienischen L'Aquila eine Münze, die er als Symbol für eine neue Weltwährung propagierte.
Die Kritik am US-Dollar aus China fiel unterschieldich aus. Einmal wurde eine Anpassung der IWF-Sonderziehungsrechte gefordert, bei anderer Gelegenheit wurde erwähnt dass sie nicht besonders gut funktionierten. Die meisten Medien sahen in diesen Äußerungen Widersprüche; ich bleibe allerdings bei meinem Standpunkt dass viele Ohren in der westlichen Welt nicht besonders gut in Bezug auf asiatische Rhetorik geschult sind (und empfehle für einen Anfang nebenstehendes Buch). Der US-Finanzminsiter Timothy Geithner wurde bei einer Rede vor chinesischen Studenten ausgelacht, als er US-Dollar-Wertanlagen als sicher bezeichnete.
In den letzten Wochen fiel besonders Russland mit deutlichen Stellungnahmen zur Ersetzung des US-Dollar als Leitwährung auf. Unter anderem wurde der Abbau der US-Dollar-Währungsreserven der russichen Zentralbank so dargestellt als sei dieser strategisch motiviert obwohl es Grund zur Annahme gibt dass notwendige Verkäufe zur Stützung des Rubel der wesentliche Hintergrund waren. Doch mag der Anlass auch Sachzwängen geschuldet sein: Der Tonfall ist es nicht.
Im Gegenzug meinten die Medien, die Europäische Zentralbank EZB sehe die Rolle des US-Dollar als unangefochten. Erst unterhalb der Überschriften stellt sich heraus dass dies das Ergebnis einer rückblickenden Analyse ist, deren Betrachtungszeitraum sich allein auf das Kalenderjahr 2008 erstreckt. Auch der Internationale Währungsfond stellt sich offiziell hinter den US-Dollar. Aber all dies dürfen wir getrost als Säbelrasseln ansehen: Weder die EZB noch der IWF bestimmen, welches die weltweite Leitwährung ist. Russland und China allerdings auch nicht.
Im Rahmen der Beschlüsse des G20-Gipfels in London wurde der Internationale Währungsfond (IWF) ermächtigt, Sonderziehungsrechte (SZR) im Wert von 250 Milliarden US-Dollar vor dem Hintergrund der Erhöhung der Einlagen der Staaten in den IWF eigenmächtig als Kreditgeld zu erschaffen. Dies ist das mehr als das Zehnfache des bisherigen Volumens.
Die US-Zentralbank Federal Reserve hat erstmals auszugsweise Einblick in ihre Bilanz gewährt, die einen Verlust ausweist, und zwar wegen der von den Geschäftsbanken neuerdings als Sicherheiten hinterlegbaren illiquiden ("toxischen") Wertpapiere. Wir erinnern uns: Die von der Federal Reserve an ihre privaten Anteilseigner zu zahlende Dividende ist gesetzlich festgelegt und nicht vom operativen Ergebnis abhängig.
Die Zentralbanken einiger Staaten, allen voran China und Russland, sind dabei den Anteil von Gold an ihren Reserven zu erhöhen.
Strategische Situation
Wer die strategischen Schritte der Obama-Administration nüchtern betrachtet kann nur zu der Auffassung gelangen dass sie im Rahmen ihres Handlungsspielraums wichtige Ziele proaktiv verfolgt und hierbei ausgesprochen klug vorgeht. Wenn US-Präsident Obama beispielsweise in Ghana sagt, dass Gahanas Wohlstand zum Wohlstand der USA beitrage und die USA Ghana beim Überspringen schmutziger Energieerzeugung ebenso helfen werden wie beim Aufbau von Public Private Partnerships zur Erneuerung der Infrastruktur so sendet eine solche Rede mehrere Signale. Jenseits der beschworenen ethnischen und finanziellen Verbundenheit hat sich an den Details ja nichts geändert: Die USA geben, geben vor und profitieren. Mich würde es jedenfalls wundern wenn in Ghana Toll Collect die neuen Straßen betreiben und Nordex die Windkraftanlagen liefern würde.
Zugleich sind solche Auftritte medienwirksamer als unauffällige chinesische Absprachen zur Umgehung des US-Dollar. Dass US-Präsident Obama ein Medienliebling ist erschließt sich allein schon daraus dass die Schlagzeilen alle Regierungsaktivitäten ihm zuordnen: "So will Obama das Finanzsystem krisenfest machen", "so will Obama die 'Schande' Guantánamo beenden", "so will Obama die Banken kontrollieren". Die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf Barack Obama und seine exzellenten Reden lenkt von Details und strateischen Aspekten im Hintergrund ab.
Nehmen wir also an dass diese spezielle, kooperative, gut inszenierbare Mischung aus Angeboten und Forderungen, sicherlich verknüpft mit ein paar nicht öffentlich artikulierten Punkten beiderseits, die Grundhaltung der US-Administration ist.
Nehmen wir weiterhin an dass keine Seite ein ernsthaftes Interesse an einer Eskalation der Verwerfungen des Weltfinanzsystems hat.
Die Gegner des US-Dollar fordern eine Abschaffung des US-Dollar als Reservewährung und eine Berücksichtigung von Gold oder auch anderen Rohstoffen.
Den Hütern des US-Dollar käme dies unter Umständen sogar gelegen, da sie guten Grund haben am US-Dollar eine kleine Veränderung vozunehmen. Sie müssen nur sicherstellen dass trotz Abschaffung des US-Dollar als Leitwährung ihr Einfluss gesichert bleibt.
Da bietet sich eine Maßnahme an, die nicht perfekt ist, aber als Schritt in eine Richtung gesehen werden kann um die Interessen aller Seiten zu wahren.
(Formale) Anreicherung der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds um Gold
Die Anreicherung des SZR-Währungskorbes des IWF um (Papier-) Gold, gebündelt mit Maßnahmen zum Ausgleich der Interessen der bedeutenden Akteure, birgt ein hohes Potenzial bezüglich der Inszenierung ebenso wie der Befriedigung der Interessenslage.
I) Dem Wunsch der BRIC-Staaten nach einer im weiteren Sinne goldgedeckten Weltwährung würde entsprochen.
II) Das Bilanzdefizit der US-Zentralbank Federal Reserve, das diese durch ihre Strategie bewusst in Kauf genommen hat, verlangt nach einem neuen übergeordneten Lender of Last Resort (denn wenn die Zentralbank Staatsanleihen vom Finanzministerium kauft und das Finanzministerium dann die strauchelnde Zentralbank stützt ist die Geldpolitik nicht mehr glubwürdig; somit braucht es eine "übergeordnete" Einrichtung zur Stützung der Fed). Die Fed könnte Teile ihres Goldes dem IWF zur Verfügung stellen und sich im Gegenzug ein bisschen von ihrem eigenen Gold und den Korbwährungen zurückleihen.
III) Der IWF könnte US-Anleihen aus den Reserven der Zentralbanken als Wertpapiere akzeptieren und den Staaten, die diese einreichen, im Gegenzug Bezugs- und/oder Stimmrechte über die Vergabe einer entsprechenden Menge der mit Gold angereicherten Sonderziehungsrechte einräumen. So würde es beispielsweise China ermöglicht, seine enormen Bestände an US-Anleihen auf einen Streich zu diversifizieren.
IV) Die Kritiker des US-Dollar wären wohl nicht zufrieden damit dass der IWF seinen Sitz in Washington hat. Aber können sie sich diese Kritik leisten? Vielleicht bietet man ihnen ein mittelfristige Verlegung in die Schweiz an. Vielleicht fragt man sie auch einfach wie sie den Medien gegenüber begründen wollen dass sie an der Umsetzung eines Vorschlags, den sie selbst gemacht haben, nicht teilnehmen. Und schlussendlich könnte eine Zustimmung eine einmalige Chance sein, die eigenen Reserven weitgehend zu retten, wenn die USA tatsächlich kurz darauf den US-Dollar abwerten wollen -- und dafür spricht einiges. (Besonders charmant ist, dass die Anreicherung der SZRe um Gold völlig unabhängig von der Abwertung des US-Dollar durchgeführt werden kann. Sollten die US-Dollar-Kritiker nicht auf den SZR-Zug aufspringen lässt sich hinterher darstellen dass sie für die Wertevernichtung in ihren Portfolios selbst verantwortlich sind.)
V) Das in den Sonderziehungsrechten herumgereichte Gold diente ja nur der Stabilisierung; ein echter Bezug würde im Normalfall nicht angestrebt werden. Dies würde die Transparenz auf dem Goldmarkt weiter verringern und in die Hände von noch weniger Menschen legen als bisher. Die wundersame Mehrfachnutzung der selben physischen Menge Goldes, für die es bereits heute Anzeichen gibt, könnte weiterhin florieren, und so wären sowohl Besitzer physischen Goldes als auch Spezialisten für seine Mehrfachnutzung zufrieden. Sollten Privatpersonen jemals auf SZR lautende Konten eröffnen können wäre der Bezug von Gold schon aus Gründen der Logistik selbstverständlich nicht möglich.
VI) Ale Staaten behielten formal ihre Souveränität, da der IWF anders als eine Zentralbank nur so viele SZRe aus seinen Einlagen erschaffen darf wie es die geldgebenden Staaten ihm gestatten; zudem wäre eine Reform der Mitbestimmungsmöglichkeiten im IWF ohnehin angebracht. Substanzielle Interessenskonflikte zwischen den beteiligten Nationen würden in einer bürokratisch ausgerichteten Organisation ausgetragen werden müssen, in der Veto-Rechte, Verfahrensregelungen, Einfluss auf die Agendagestaltung und Einflussnahmen auf Delegierte zur Interesenswahrung eingestzt werden können.
VII) Es ließe sich als konsequent darstellen wenn der IWF an Staaten, die auch Einlagen geleistet haben, Kredite zu weniger restriktiven Konditionen vergäbe als an Staaten, die keine Einlagen geleistet haben. Der IWF wird häufig dafür kritisiert, armen Ländern mit seiner Kreditvergabe-Praxis eher zu schaden; selbst Nobelpreisträger Paul Krugman meint dass die Rolle des IWF in der Asienkrise kontrproduktiv gewesen sei.
VIII) In den Medien ließe sich der Schritt als historische Einigung zur Stabilisierung des Finanzsystems darstellen, als Modernisierung der Leitwährung zum Wohle und zur Sicherheit aller Beteiligten sowie als konsequenter Schritt zur Loslösung der Globalisierung vom Schicksal einer nationalen Währung.
Überzogen?
Die Tatsache dass die G20-Konferenz Ende September 2009 bereits eine eigene Website hat ist nicht gerade ein Indiz dafür, dass die Akteure damit rechnen zu einem bescheidenen Ergebnis zu gelangen:
Pittsburgh, Pennsylvania will host the G-20 Summit September 24-25, 2009. President Obama will chair this meeting of leaders from countries around the world that represent 85 percent of the world’s economy. At the Pittsburgh G-20 Summit, leaders will review the progress made since the Washington and London Summits and discuss further actions to assure a sound and sustainable recovery from the global financial and economic crisis.
Zudem wäre dieser Schritt zeitlich und konzeptionell eine Gelegenheit für die USA zu verhindern dass die ausländischen Inhaber von US-Anleihen durch die unmittelbar danach stattfindende Abwertung ds US-Dollar und Einführung des Amero völlig vor den Kopf gestoßen werden.
Unwägbarkeiten & Varianten
Selbst die bestmögliche Umsetzung solcher Pläne wird zu einigen Turbulenzen führen, die mit tatkräftiger Unterstützung bekannter Finanzzentren allerdings beherrschbar sein sollten (schwieriger wird es für den Fall dass keine Einigung erzielt werden kann). Im Namen der Stabiliserung des globalisierten Finanzsystems sehen sich die Märkte daher Unwägbarkeiten ausgesetzt.
So könnten die Wechselkurse der Korbwährungen zueinander, einschließlich Gold, zumindest für eine Übergangszeit fixiert werden. Dies könnte eine separate Abwertung des US-Dollar überflüssig machen; die Einführung des Amero könnte dann noch verschoben werden. (Besonders China würde sich gegen eine Abwertung des US-Dollar sträuben, könnte jedoch eventuell durch die werterhaltende Ausstiegsmöglichkeit aus seinen US-Anleihen umgestimmt werden.)
Sollten die Verhandlungen scheitern so könnte ein internationaler Währungs-Abwertungs-Wettlauf einsetzen um die Effekte einer Abwertung des US-Dollar auf den internationalen Handel (von denen nur die USA profitieren würden) zu mindern. Dies wäre ein hochgradig inflationäres Szenario, das im Rahmen der Verhandlungen als Drohkulisse dargestellt werden kann. Ob diese Drohung Wirkung zeigt wird nicht unerheblich davon abhängen wie gut China durch bilaterale Abkommen und ein selbst initiiertes Wirtschaftswachstum die USA bereits ignorieren kann.
In diesem Fall wäre mit geostrategischen Veränderungen zu rechnen. Europa würde sich Russland und China weiter annähern; eine Annäherung an die arabische Welt findet ja bereits statt (Forschungszentren als Gegenlistung für Kapitalspritzen bei Automobilherstellern, Strom per Verbundnetz aus der Sahara).

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